Neuseeland

Der einsamste Tölpel der Welt

von Redaktion

von Sissi Stein-Abel

Christchurch – Als Nigel starb, war er allein – und auch wieder nicht. Ob er sich einsam fühlte, bevor er für immer einschlief, weiß niemand wirklich. Ob er zufrieden war oder gar glücklich, auch darüber gibt es nur Vermutungen, denn Nigel war ein Australtölpel (Morus serrator), über dessen Seelenleben Menschen nur Vermutungen anstellen konnten. Fünf Jahre hatte der 90 Zentimeter große Seevogel auf Mana Island, einer unbewohnten Insel nördlich von Neuseelands Hauptstadt Wellington als einziger Vertreter seiner Spezies gelebt, als einsamster Tölpel der Welt, und vor gar nicht allzu langer Zeit hatte die frohe Kunde die Runde gemacht, dass sich drei weitere Tölpel auf der feindfreien Insel angesiedelt haben, vielleicht der Grundstein zu einer Brutkolonie.

Doch Nigel hielt sich von seinen Artgenossen fern, denn er war hin und weg von einer lebensecht angepinselten Tölpelattrappe aus Beton, die er anbalzte und für die er kurz vor seinem Tod ein ringförmiges Hügelnest aus Erde und Zweigen baute. Jetzt fand der Wildhüter Chris Bell den weißen Vogel mit dem orange-sonnengelben Kopf und den schwarzen Schwingen tot in diesem Nest, direkt neben seiner Angebeteten. „Ich bin unglaublich traurig, nachdem ich ihn jahrelang neben seiner Freundin aus Beton habe sitzen sehen“, sagte Bell, „es wäre schön gewesen, wenn er noch ein paar Jahre durchgehalten und eine echte Partnerin zum Brüten gefunden hätte. Sein Tod ist irgendwie das falsche Ende der Geschichte. Er ist am Beginn einer großen Sache gestorben.“

Die Nachricht von Nigels Tod rührte viele Neuseeländer zu Tränen. Der einsame Vogel, der sich liebevoll um die Attrappe kümmerte, seinen Kopf an ihrem Hals rieb und stets hoffnungsfroh blieb, obwohl seine Zuneigung niemals erwidert wurde: ein Muster an Zähigkeit ganz nach dem Geschmack der Menschen hierzulande. „Ich denke, es muss eine ziemlich frustrierende Existenz gewesen sein“, mutmaßte der Ranger, „es muss sehr seltsam für ihn gewesen sein, dass nie etwas zurückkam. Er tut uns so leid, weil er in dieser aussichtslosen Situation steckte.“ Daher rührte auch sein Name: „Nigel no mates“ werden in Neuseeland Männer genannt, die keine Freunde haben.

Mana Island ist eine jener Inseln rund um Neuseeland, auf denen Schädlinge wie Possums, Marder, Ratten und Mäuse ausgerottet wurden, um das Überleben gefährdeter Tierarten zu ermöglichen. Mit 80 Lockvögeln aus Beton versuchte die Naturschutzbehörde DOC (Department of Conservation), vor der Südwestküste der Nordinsel wieder Tölpel anzusiedeln. Nachdem aber nur Nigel gelandet war und der sich in diese ganz besondere Betonfigur verliebte, anstatt ein echtes Weibchen zu suchen und mitzubringen, wurden die Attrappen 2016 frisch gestrichen. Erst im vergangenen Dezember wurden die Lautsprecher, die Vogelstimmen aussenden, neu justiert, und prompt ließen sich die drei Artgenossen nieder, wenn auch in einiger Entfernung von Nigel, der keine Anstalten machte, sich mit dem Trio anzufreunden.

Die größten Brutkolonien Neuseelands mit jeweils mehr als 10 000 Brutpaaren befinden sich auf Gannet Island (gannet = Tölpel) vor der Waikato-Küste, auf der Vulkaninsel White Island in der Bay of Plenty und auf Three Kings Island nördlich der Nordinsel. Am besten kann man die Seevögel, die eine Flügelspannweite von fast zwei Metern haben, auf den Festlandskolonien am Cape Kidnappers bei Napier und am Muriwai Beach nördlich von Auckland beobachten. Von Juli bis März sind die Vögel in den Brutkolonien. Die Küken schlüpfen nach 44 Tagen. Bereits nach 15 Wochen verabschieden sich die Jungvögel in Richtung Australien, wo sie ihre Jugendjahre verbringen. Erst nach drei Jahren kehren sie in ihre Brutkolonie zurück und brüten erstmals mit vier bis sieben Jahren. Das ist für Nigel nur ein Traum geblieben.

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