Washington – Sie ist blau und nur etwa fingernagelgroß – und doch hat sie eine Art sexuelle Revolution ausgelöst. Seit die Viagra-Pille vor 20 Jahren in den USA als Medikament gegen Erektionsstörungen zugelassen wurde, hat sie in aller Welt Millionen zumeist älteren Männern wieder ein aktives Sexleben ermöglicht. Das Mittel, dessen Nutzen nur zufällig entdeckt wurde, entwickelte sich schnell zum Lifestyle-Medikament.
Vor exakt 20 Jahren erteilte die US-Arzneimittelbehörde FDA dem US-Pharmakonzern Pfizer die Zulassung für Viagra, später kam es auch in Deutschland auf den Markt. Der Wirkstoff Sildenafilcitrat war ursprünglich als Mittel gegen Bluthochdruck und Angina entwickelt worden. In klinischen Tests berichteten die Probanden aber, dass sie dank des Wirkstoffs wieder eine zuverlässige Erektion bekommen könnten. Viagra war die erste Pille gegen Erektionsstörungen. Seit ihrer Zulassung wurde sie in aller Welt etwa 65 Millionen Mal verschrieben.
Impotenz und Sex im Alter waren plötzlich nicht mehr tabu. Auf diese Weise habe Viagra „eine große Rolle“ bei der Entwicklung eines neuen Umgangs mit dem Thema Sex im Alter gespielt, sagt die Urologin Elizabeth Kavaler vom New Yorker Lenox-Hill-Krankenhaus. Mittlerweile gehöre ein aktives Sexleben wie selbstverständlich zu den Erwartungen für den Lebensabend.
Allerdings dürften sich Männer nicht zu viel von Viagra versprechen, sagt Louis Kavoussi, der für das New Yorker Krankenhausnetzwerk Northwell Health die Abteilung Urologie leitet. „Es ist kein Aphrodisiakum“, stellt er klar. Viele Männer klagten, dass ihre Frauen kein Interesse an Sex hätten. „Ich sage dann, Viagra wird das nicht ändern‘.“ Viagra habe zwar den Umgang mit Sex im puritanischen Amerika aufgelockert, sagt der Leiter der Station für Urologie im Universitätsklinikum von Staten Island, Nachum Katlowitz. „Aber zum größten Teil wurden die Frauen bei der Revolution für eine Verbesserung des Sexuallebens außen vor gelassen.“
Erst 2015 wurde von der FDA mit Addyi ein Mittel zugelassen, das als „Viagra für Frauen“ tituliert wurde. Die Libido-steigernde Tablette mit dem Wirkstoff Flibanserin ist allerdings umstritten. Zu ihren Nebenwirkungen zählen Übelkeit, Erbrechen und Selbstmordgedanken, und sie darf nicht mit Alkohol eingenommen werden. Ein Durchbruch wie bei Viagra steht bei Frauen noch aus, diagnostiziert die Urologin Kavaler. „Wir hinken den Männern mindestens 20 Jahre hinterher.“ afp