London – Wenn Prinz Harry und seine Braut Meghan Markle am 19. Mai vor den Traualtar treten, wird die Hochzeit nicht nur schöne Bilder produzieren, sondern auch Zeugnis eines Wandels in der britischen Gesellschaft und Monarchie sein. Denn vor 80 Jahren heiratete schon einmal eine geschiedene US-Bürgerin wie Markle in die Königsfamilie ein – was damals noch ein Erdbeben auslöste: Wallis Simpson galt 1936 als Bedrohung für die Krone und die ganze Nation. Markle dagegen wird heute mit offenen Armen empfangen.
Schon der Name Wallis Simpson lässt Repräsentanten im Buckingham-Palast erschaudern: 1936 wurde König Edward VIII. wenige Monate nach seiner Thronbesteigung zum Abdanken gezwungen, damit er die geschiedene US-Bürgerin heiraten konnte. Dieses Ereignis erschütterte die britische Nation vor dem Zweiten Weltkrieg tief. „Ohne die Frau, die ich liebe, kann ich die Bürde der Krone nicht tragen“, soll Edward gesagt haben. nach seiner Abdankung gingen er und Wallis Simpson zunächst nach Frankreich. Von da ab werden sie von der königlichen Familie geschnitten, bei ihrer Hochzeit 1937 erscheint kein einziges Mitglied. Simpson rächt sich, bezeichnt unter anderem die rundliche Königin als „Cookie“.
Die ehemals ungeliebte Herzogin Wallis ist neben ihrem Mann Edward im Royal Burial Ground am Frogmore House bestattet. Also dort, wo gut einer Woche der Abendempfang des Brautpaares geplant ist.
„Hören Sie genau hin, wenn der Chor singt und Meghan Markle den Gang hinunter schreitet“, witzelt Königshaus-Experte Andrew Morton. Vermutlich sei zu hören, wie sich König Edward „im Grab umdreht“. Morton verfasste eine Simpson-Biographie und in diesem Jahr auch eine über Markle. Pointiert vergleicht er die zweifach geschiedene Partylöwin aus Baltimore mit dem TV-Star aus Los Angeles, deren Mutter Afroamerikanerin ist: „Wallis’ Familie waren Sklavenbesitzer – und nicht selbst Sklaven.“ Die 36-jährige Markle hat sich karitativ bereits einen Namen gemacht, vor allem als Frauenbotschafterin bei den Vereinten Nationen. „Sie hätte Diplomatin sein können, Politikerin, Anwältin“, sagt Morton. „Meghan ist durchaus bereit für die königliche Familie: Sie hat sich bewährt.“
Wallis Simpson galt damals hingegen in politischer, religiöser, sozialer und moralischer Hinsicht als inakzeptabel. Edward dankte ab und das Paar heiratete 1937 in einem französischen Schloss. Ihr vielbeachteter Besuch bei Adolf Hitler in Deutschland im gleichen Jahr sorgte für Spekulationen, sie würden mit den Nazis sympathisieren. Bei Paris lebten sie im Exil mit wohlhabenden Freunden, Kontakt und Reisen nach Großbritannien waren selten.
Dass Edward sein persönliches Glück vor das seines Landes stellte, galt als egoistische, unverantwortliche Pflichtverletzung. Sein Nachfolger und Bruder König George VI. stellte den Dienst am Volk über alles, wie auch seine nun 92-jährige Tochter, Königin Elizabeth II. Inzwischen ist die britische Gesellschaft multi-ethnisch und weniger durchdrungen von der Moral der Anglikanischen Kirche. Drei der vier Kinder der Queen sind geschieden. Harrys Vater Prinz Charles heiratete 2005 seine zweite Frau Camilla, auch für sie war es die zweite Ehe. Zudem zeigt sich der britische Adel inzwischen weniger snobistisch gegenüber US-Bürgern und Bürgerlichen.
„Der grundlegende Wandel in sozialen Einstellungen über die vergangenen Jahrzehnte spiegelt sich darin, wie Harrys Verlobung mit Meghan, einer geschiedenen Amerikanerin, begeistert aufgenommen wurde“, sagte Adelsexperte Richard Fitzwilliams dem „Daily Express“. Die Verbindung zwischen Meghan und Harry werde heute – wenn überhaupt politisch betrachtet – als „ultimative Manifestierung der besonderen Beziehungen“ zwischen Großbritannien und den USA gesehen. svs