Berlin – 3800 Bilder und Videos hatte der Mann von den beiden Buben gemacht. Immer wieder hatte er den Siebenjährigen und den Zehnjährigen schwer sexuell missbraucht und die Aufnahmen im Darknet, einem auch von Kriminellen genutzten Teil des Internets, verbreitet. Die Polizei konnte den Täter nach einer öffentlichen Fahndung fassen. Die deutschen Ermittler sind bei Gewalttaten gegen Kinder aber nicht immer so erfolgreich. Viele Täter können nicht gefunden werden, ein großer Teil der Taten bleibt verborgen.
Trotz der Ermittlungen der Polizei werden in Deutschland immer noch zehntausende Kinder misshandelt und missbraucht. Jede Woche trifft es mehr als 250 Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt werden. Das sind mehr als 36 pro Tag, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagte. Die Polizei registrierte 12 850 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs. 6512 Fälle wurden gezählt, bei denen es um den Besitz und die Verbreitung von pornografischem Material ging. Außerdem wurden 4247 Kinder besonders schwer misshandelt und 143 Kinder getötet. Die Zahlen aus der Kriminalstatistik, die den Größenordnungen der Vorjahre entsprechen, stellten Münch und Kinderhilfe-Chef Rainer Becker am Dienstag vor. Jetzt korrigierte die Kinderhilfe ihre Angaben nachträglich.
Becker wies darauf hin, dass neben den rund 4000 Fällen der schweren Kindesmisshandlung weitere 50 000 angezeigte Fälle von einfacher Körperverletzung dazukämen. Jugendämter, Polizei und Justiz bräuchten viel mehr Leute, um dem Problem intensiver nachzugehen. Wie Münch betonte, geschehen die meisten Delikte fernab öffentlicher Wahrnehmung. Häufig schlagen Eltern oder andere Verwandte die Kinder. Auch Missbrauch geschieht in Familien. Die Täter werden oft nicht angezeigt.
Münch sagte, in manchen Zuwanderergruppen gebe es eine „höhere Gewalterfahrung und andere Wertevorstellungen“. Auch das könne mit Gewalt gegen Kinder zu tun haben. „Deshalb ist jeder gefragt, wachsam zu sein, nicht wegzuschauen, Hinweise ernst zu nehmen, Anzeige zu erstatten. Wer wegschaut, trägt auch eine Mitverantwortung“, appellierte er.
Der BKA-Chef schilderte die Probleme der Polizei mit Speicherfristen im Internet. 35 000 Hinweise auf Kinderpornografie seien 2017 aus den USA gekommen. In mehr als 18 000 Fällen sei die Polizei aber aus technischen Gründen nicht weitergekommen: Entweder mussten die Ermittlungen eingestellt werden, weil die Internet-Provider die IP-Adressen nicht mehr gespeichert hatten. Oder die individuellen Adressen gehörten zu einem allgemeinen Hotspot, bei dem etwa der benutzte Laptop nicht gespeichert wurde.
Daher betonte der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig: „Datenschutz darf nicht über dem Kinderschutz stehen.“ Gebraucht werde eine gesetzliche Meldepflicht für Missbrauchs-Darstellungen in den Bereichen der Internetfirmen. Das sei umso wichtiger, weil er einen Trend feststelle, so Rörig: „Die Missbrauchsdarstellungen werden grausamer. Wir haben einen enormen Anstieg. Und die Kinder werden immer jünger.“
Neu ist nach Einschätzung des BKA, dass Kriminelle über Live-Bilder einer Internet-Webcam beobachten, wie Kinder vergewaltigt und sexuell missbraucht werden. Dabei geben sie dem Täter und den Kindern Anweisungen zu bestimmten Handlungen. Besonders in Südostasien, wo arme Eltern so zu Geld kommen wollten, entwickele sich dieses Modell, sagte Münch. „Das könnte eine Alternative werden zum tatsächlichen sexuellen Missbrauch durch reisende Täter.“ Die Grausamkeit und Strafbarkeit entsprechen aber der echten Tat.