Einziger Zeuge Apple Watch?

von Redaktion

Nahm der verschwundene saudische Journalist Chaschukdschi seine eigene Exekution mit einer Computer-Uhr auf? Zum ersten Mal taucht eine konkrete Erklärung auf für die zunehmend grausigen Details in türkischen und US-Medien. Was sagen Experten?

VON CHRISTINE-FELICE RÖHRS, CAN MEREY U. ANDREJ SOKOLOW

Istanbul/Riad/Washington – Im Fall des verschwundenen regierungskritischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi sind weitere Details wie aus einem Agentenroman aufgetaucht. Die regierungsnahe türkische Zeitung „Sabah“ berichtete am Samstag, dass Chaschukdschi, der im Westen unter dem Namen Jamal Khashoggi schrieb, seine eigene Exekution mit einer Computer-Uhr des Herstellers Apple aufgezeichnet habe. „Die Momente, in denen sich das Attentäter-Team mit Chaschukdschi beschäftigt hat, wurden Minute für Minute aufgezeichnet“, schreiben die Autoren. Befragung, Folter, Mord – alles sei für den Geheimdienst aus dem Speicher abrufbar gewesen.

„Sabah“ zufolge hat Chaschukdschi noch vor Betreten des saudi-arabischen Konsulats am 2. Oktober eine Aufnahmefunktion an seiner Apple Watch eingeschaltet. Sein Handy, das er seiner vor dem Konsulat wartenden Verlobten gegeben habe, sei mit der Uhr an seinem Handgelenk synchronisiert gewesen. So seien die Geräusche während seiner Exekution in dem Speichermedium iCloud gesichert worden. „Sabah“ beruft sich auf „vertrauenswürdige Quellen“.

Der Artikel liefert zumindest eine konkrete Erklärung auf die Frage, woher die Informationen stammen könnten, die seit Tagen scheibchenweise und unter Verweis auf anonyme türkische Regierungsquellen in Medien auftauchen. Immer öfter tauchte dabei die Vermutung auf, dass die Türkei das Konsulat mit Abhörgeräten ausspioniert hatte. Die Apple-Uhr als Quelle der Daten würde die Türkei da entlasten.

Experten zogen die Darstellung der Zeitung, die ein Sprachrohr der türkischen Regierung ist, im Lauf des Samstags allerdings in Zweifel. Ein Geheimdienstexperte des Fernsehsenders CNN, Robert Baer, sagte, die Apple-Uhr habe über die Distanz mit Bluetooth allein die Verbindung zum Mobiltelefon nicht halten können. Andere Experten sagen, Chaschukdschi könnte zwar auch eine Version der Apple Watch getragen haben, die direkt ins Mobilfunknetz geht und Daten ohne den Umweg über das iPhone oder ein WLAN übermittelt. Auf einem Foto von Mai, das der Technologie-Blog „TechCrunch“ fand, ist er mit so einer Uhr zu sehen. Allerdings gibt es derzeit keine türkischen Mobilfunk-Anbieter, die diese Funktion unterstützen.

„Ich denke, was passiert ist, ist ganz klar, dass die Türken das saudische Konsulat verwanzt haben – sie haben Übertragungsgeräte“, sagte Sicherheitsexperte Baer. Das sei vermutlich, wie sie von der Tat wüssten. Und weshalb sie außerdem zögerten, es zuzugeben.

Die „New York Times“ wiederum mutmaßte in der Nacht, dass türkische Regierungsvertreter „ohne Druck von den Vereinigten Staaten, einem wichtigen Alliierten Saudi-Arabiens“, besorgt seien, dass sie nicht genug Einfluss hätten, „um die Saudis dazu zu bringen, zuzugeben, was sich im Konsulat abgespielt hat“. Das Blatt zitiert einen hohen türkischen Beamten mit der Forderung, dass letztlich die USA aktiv werden müssten. „Der Ball ist in Trumps Feld.“

Der US-Präsident steckt in der Zwickmühle, denn er gibt viel auf seine Allianz mit Saudi-Arabien. Aber auch er wird langsam schärfer. „Wir werden der Sache auf den Grund gehen, und es wird eine harte Bestrafung geben“, sagte Trump in einem Interview mit dem US-Sender CBS. Aus Saudi-Arabien hieß es am Sonntag, dass jede Handlung gegen das Land „mit einer größeren Handlung“ beantwortet werde. Das Königreich weise jeden Versuch zurück, ihm schaden zu wollen, sei es durch Drohungen, dem Erlassen von Wirtschaftssanktionen, politischem Druck oder der Wiederholung falscher Anschuldigungen.

Chaschukdschi hatte am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betreten, um Papiere für seine geplante Hochzeit mit einer Türkin abzuholen. Seither wird der Journalist vermisst.

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