Paris – Eine Ohrfeige machte Beate Klarsfeld berühmt: Am 7. November 1968 schlug die überzeugte Antifaschistin dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) ins Gesicht, um auf dessen NS-Vergangenheit aufmerksam zu machen. Mit ihrem Mann Serge Klarsfeld jagte die deutsch-französische Publizistin in den Folgejahren NS-Größen und brachte es sogar zur Kandidatin bei der Bundespräsidentenwahl.
Am Mittwoch wird die vielfach geehrte „Nazi-Jägerin“ 80 Jahre alt. „Es mussten spektakuläre Aktionen erfunden werden wie die Ohrfeige, um die deutsche Öffentlichkeit aufzurütteln“, sagte Klarsfeld zu der Attacke auf Kiesinger. In der Bundesrepublik schienen sich nicht allzu viele über die Vergangenheit des Kanzlers aufzuregen, der 1933 in die NSDAP eingetreten war und während des Zweiten Weltkriegs einen wichtigen Posten im Reichsaußenministerium innehatte. Klarsfeld hatte über Kiesingers NS-Vergangenheit bereits in der französischen Zeitung „Combat“ berichtet. Deswegen verlor sie 1967 ihren Posten als Sekretärin beim deutsch-französischen Jugendwerk.
Die streitbare Journalistin wählte dann rabiatere Mittel. Für ihre Ohrfeige wurde sie zu einem Jahr Haft verurteilt, später wurde das Urteil auf vier Monate Haft auf Bewährung abgemildert. Klarsfeld, 1939 als Tochter eines Versicherungsangestellten in Berlin geboren, war mit 21 Jahren als Au-pair-Mädchen nach Paris gekommen. Dort lernte die damalige Beate Künzel den jüdischen Studenten Serge Klarsfeld kennen, der als Kind in Nizza nur knapp der Deportation entgangen war und dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde.
„Ich wusste damals nichts über den Zweiten Weltkrieg“, sagte Beate Klarsfeld. „Ich habe es dank Serge erfahren.“ Die Klarsfelds wollten nicht hinnehmen, wie NS-Verbrecher in der Bundesrepublik ein ungestörtes Leben führten und Karriere in Politik und Wirtschaft machten. So spürte das unzertrennliche Paar 1971 in Köln den früheren Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka auf – und in Bolivien den einstigen Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, der nach seiner Auslieferung 1987 in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Auch dem nach Südamerika geflüchteten „Arzt von Auschwitz“, Josef Mengele, waren die Klarsfelds auf der Spur.
Für ihren Einsatz gegen NS-Verbrecher und gegen das Vergessen des Holocaust wurden Beate Klarsfeld und ihr Mann in Frankreich, Israel und den USA schon früh hoch dekoriert. In Deutschland blieb ihr eine Anerkennung länger verwehrt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratulierte Beate Klarsfeld nun zum 80. Geburtstag und nannte sie „ein Vorbild dafür, dass wir dem Unrecht beharrlich und konsequent entgegentreten müssen – und dass wir nie vergessen, wohin Diktatur, Rassismus und Überlegenheitswahn führen“.