Pannen und Fehler im Missbrauchsfall Lügde

von Redaktion

Warten auf Anklage – Rücktritt von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gefordert

Detmold – Das passt ins Bild: Im Fall des mutmaßlich tausendfachen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen stehen seit Wochen nicht mehr die Haupttäter und Opfer im Mittelpunkt. Bevor die Staatsanwaltschaft in Detmold – nach bisheriger Planung – noch vor Mai die Anklage fertig haben will, überlagert die Aufarbeitung mit Pleiten, Pech und Pannen bei Jugendämtern und Polizeidienststellen den Blick auf den Fall. Und die Politik.

Zuletzt wurden am Donnerstag bei Abrissarbeiten auf dem Campingplatz in einem Hohlraum unter einer Holzplanke CDs und Disketten gefunden. Die Arbeiter übergaben die Funde der Polizei. Ob belastendes Material auf den Speichermedien ist, ist noch nicht bekannt. Die SPD als Oppositionspartei im Düsseldorfer Landtag fordert wegen der neuen Entdeckung den Rücktritt von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Der Fund weiterer Beweismittel sei „einfach unfassbar und erschüttert die Glaubwürdigkeit des Ministers“, erklärte auch die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Verena Schäffer, mit Blick auf Reul. „Er hat die Aufklärung zu seinem Projekt gemacht – daran muss er sich messen lassen.“

Ob Reul dieser Fund anzukreiden ist? Die Datenträger hätten mit bei einer Durchsuchung zulässigen Mitteln nicht gefunden werden können, teilte die Polizei in Bielefeld mit – und nimmt so ihren Dienstherrn in Schutz. Der Besitzer des Campingplatzes konnte erst nach der Einhaltung von Kündigungsfristen und nach Absprache mit dem Anwalt des Parzellenbesitzers und Hauptbeschuldigten die Bagger anrollen lassen.

Reul zeigt sich immer wieder empört über den Fall – besonders, wenn es um Fehler und Pannen bei Polizei und Behörden geht. Sein Spruch „Meine Oma hätte gemerkt, dass da was nicht stimmt“ bezog sich auf die Situation auf dem Campingplatz. Hier wurde ein Pflegekind auf Wunsch der Mutter vom Jugendamt an den Hauptverdächtigen gegeben. Mit dem Zitat brachte Reul allerdings auch Polizisten gegen sich auf, weil die sich unter Generalverdacht sahen. Auf der Straße wurden Beamte vielfach angepöbelt.

Wie katastrophal die Zustände auf der Parzelle des 56-jährigen Dauercampers waren, ist heute bekannt. Aber selbst Nachbarn auf dem Campingplatz hatten das lange nicht geahnt. Der Mann hatte einen guten Ruf. Er hatte Ausflüge und Spiele für Kinder organisiert und seine Pflegetochter, die er ebenfalls missbraucht haben soll, als Lockmittel für andere Opfer eingesetzt. Dieses perfide Szenario schilderten die geschockten Ermittler bei der ersten Pressekonferenz Ende Januar in Detmold zum Teil mit tränenerstickter Stimme.

Dass diese Ermittler kurz danach von dem Fall abgezogen wurden, lag an einer Reihe von Pannen und Führungsversagen bei der Polizei in Lippe. Ausgerechnet ein Polizeischüler sollte die gefundenen Videos und Fotos mit Kinderpornomaterial auswerten. Es gab keine Sicherungskopien, und dann war ein Teil der Datenträger aus einem Raum der Polizei in Lippe verschwunden. Aber auch wenn die Speichermedien nicht mehr auftauchen, ist der Schaden wohl begrenzt: Verschwunden sind rund fünf Prozent des Beweismaterials.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) verteidigte am Sonntag Reul gegen die SPD-Rücktrittsforderung. „Wir stehen hinter unserem Minister“, erklärte Landeschef Michael Mertens gegenüber „Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung“: „Durchsuchungen haben ihre Grenzen.“ Der GdP-Chef warf die Frage auf, warum Polizei oder Staatsanwaltschaft den Abriss des Wohnwagens nicht unmittelbar begleitet hätten.

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