Bittere Tränen – das ist die Reaktion von Ellen Schwiers, als ihr Vater, ein Schauspieler, anordnet, sie solle die Schule nach der Mittleren Reife beenden und den Schauspielberuf erlernen. Schwiers möchte keine Schauspielerin sein, sie ist eine exzellente Schülerin und will studieren. Aber das Geld reicht nicht, um drei Kinder auf die Universität zu schicken. Also muss die Tochter für den jüngeren Bruder Holger verzichten – so ist das damals – und fängt im Teenageralter als Souffleuse an.
Glamourös ist das alles nicht. Der Krieg ist gerade vorbei, die Zeiten sind hart, man muss nehmen, was kommt. Eine harte Schule, aber eine gute. Schwiers wird sich später nie beklagen oder zur Diva werden. Eines Tages kommt sie unverhofft zum ersten Auftritt, als eine Schauspielerin einen Unfall hat. Schwiers kann jedes Stück im Repertoire auswendig und tritt als Marcia in Paul Osborns „Der Tod im Apfelbaum“ auf. Prompt schreibt ein Kritiker: „Von dieser jungen Schauspielerin werden wir noch vieles erwarten können.“
Es läuft für die Schauspielerin, die eigentlich keine sein will. Anfang 1949, da ist sie gerade 18, besetzt sie Kurt Hoffmann, eine große Nummer im deutschen Nachkriegskino, für den Film „Heimliches Rendevous“. Als Russin Natascha macht sie dann 1955 in der Fortsetzung des Erfolgsfilms „08/15“ an der Seite von Joachim „Blacky“ Fuchsberger nachdrücklich auf sich aufmerksam. Sie wird fortan immer wieder als Femme fatale besetzt, als Frau, die Männer ins Verderben stürzt oder zumindest viel Ärger macht.
Mit ihrem rabenschwarzen Haar und den auffallend hohen Wangenknochen fällt sie optisch aus dem Rahmen – und leidet ein wenig darunter. Sie würde auch gerne einmal „normale“ Frauen spielen, die Hauptrolle, aber das dürfen zu der Zeit nur die blonden, etwas harmlosen Mädels, so wie Liselotte Pulver, die Schwiers oft die großen Rollen wegschnappt. Dass sie attraktiv ist und eine ganz eigene Aura hat, ist Schwiers damals nicht bewusst. Sie habe in jenen Tagen überhaupt kein Selbstwertgefühl gehabt, wird sie später sagen.
Dass der 21 Jahre ältere Produzent Peter Jacob ihr am Rande von „08/15“ Avancen macht, nimmt sie erst gar nicht wahr. Erst als er, um sie zu treffen, eigens aus München nach Göttingen reist, wo sie am Deutschen Theater engagiert ist, wird ihr klar, dass der Mann echtes Interesse hat. Dass sie derart auf Männer wirken kann, ist ihr nicht recht bewusst. Jacob bleibt hartnäckig und heiratet sie. Bis zu seinem Tod 1992 sind die beiden unzertrennlich.
Schwers dreht unermüdlich, ist aber nicht immer glücklich mit den Rollen. Im Jahr 1960 muss sie Wolfgang Staudte regelrecht bedrängen, ihr in „Der letzte Zeuge“ die Hauptrolle zu geben – dafür stülpt sie sich sogar eine blonde Perücke über, anders hätte es nicht geklappt. Künstlerisch ausleben kann sie sich am Theater, dem sie immer treu bleibt. Im Schauspielhaus Zürich tritt sie in Uraufführungen von Friedrich Dürrenmatt auf, Max Frisch, mit dem sie befreundet ist, schreibt ihr für „Biografie – Ein Spiel“ sogar die Rolle der Antoinette auf den Leib.
Im Kino arbeitet sie mittlerweile international, die Filmpartner sind illuster – Fernandel, Jean Gabin, Robert De Niro, Donald Sutherland, lauter große Namen. Da könnte man schon abheben, aber Schwiers hebt nicht ab, sondern sieht das nüchtern. Film ist Broterwerb, man muss zwei Kinder durchbringen, und für die Leidenschaft spielt sie eben auch noch Theater. Ohne großes Gewese, Skandale oder inszenierte Dramen.
Weil sie wenigstens im Theater nur noch das spielen möchte, was ihr wirklich selber gefällt, gründet sie 1982 mit Ehemann und Tochter Katerina Jacob („Der Bulle von Tölz“) ein eigenes Ensemble. Und weil sich die Gelegenheit ergibt, übernimmt zwischenzeitlich auch noch die Intendanz der Burgfestspiele Jagsthausen (Baden-Württemberg). Schwiers, wenn man das so sagen darf, altert gut und bleibt eine aparte Erscheinung, wobei – das Wort „apart“ findet Schwiers fürchterlich, und sie hat ja Recht damit. Sie bleibt präsent, taucht immer mal wieder in interessanten Projekten auf, wie etwa 2013 in „3096 Tage“, der Verfilmung des Schicksals von Natascha Kampusch, Dazwischen dreht Schwiers halt „Forsthaus Falkenau“ oder „Unser Charly“ für das Fernsehen. Ist auch Arbeit. Und wenn man welche hat, beklagt man sich nicht.
Und auch sonst nicht. Als 1985 ihr gerade erst 21-jähriger Sohn Daniel in ihren Armen stirbt, zieht sie sich für ein paar Jahre vom Film zurück, macht aber mit ihrem Ensemble und als Intendantin in Jagsthausen weiter. Man muss weitermachen und sich beispielsweise um die Tochter und den kranken Mann kümmern. Jammern ist nie eine Option. Erst als der Körper sie wirklich im Stich lässt, beendet Schwiers im Jahr 2015 ihre Bühnenkarriere, für Auftritte beim Film reicht es bis 2017, trotz unablässiger Schmerzen.
Ob sie gelegentlich an das Ende denke, wurde sie unlängst gefragt und antwortete lakonisch: „Es könnte jeden Tag passieren“. Angst hatte sie – natürlich – keine. „Ich breite meine Arme aus und heiße den Tod willkommen!“ ließ sie wissen. Am Freitagmorgen hat sie den Tod in ihrem Haus in Berg am Starnberger See mit 88 Jahren umarmt. Eine große Schauspielerin ist gegangen und eine echte Dame.