Wie das Klima Greta rettete

von Redaktion

Ein Buch aus dem Inneren des Sturms: „Szenen aus dem Herzen“ steckt voller Empörung

VON MARCUS MÄCKLER

Der Publizist Henryk M. Broder hat kürzlich eine atemberaubende Beobachtung gemacht: Die Klimaaktivistin Greta reist nicht alleine. Nein, sie hat eine Begleitperson dabei, die ihr, wenn nötig, sogar die Jacke trägt. Es kann nicht anders sein, meint Broder: Ominöse, Jacken-tragende Hintermänner steuern dieses Mädchen. Mehr noch: Sie haben sie erschaffen – und planen „Größeres“.

Greta Thunberg ist gerade mal 16 Jahre alt. Aber seit sie mit ihren Klima-Streiks den Finger in eine gefährlich klaffende Wunde gelegt hat, reibt sich die halbe Menschheit an ihr. Die einen halten sie für eine Prophetin, die anderen für eine Marionette klandestiner Öko-Interessengruppen. Mitten hinein in dieses Geraune stößt nun ein Buch aus dem Inneren des Wirbelsturms.

Es heißt „Szenen aus dem Herzen“ und erzählt, wie die junge Schwedin zu dem wurde, was sie heute ist. Auf dem Cover ist Greta selbst, nebst ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Beata, als Autorin aufgeführt. Aber die, die hier in 92 schonungslosen, radikalen, manchmal schmerzhaft emotionalen Szenen erzählt, ist ihre Mutter Malena Ernman, eine bekannte ehemalige Opern-Sängerin. In Schweden erschien das Buch schon im August 2018, also bevor Greta mit ihren Streiks in Stockholm begann. Wer es liest, muss das im Hinterkopf behalten.

Offenheit ist womöglich die beste Verteidigung. Und so legt Malena Ernman bis ins kleinste Detail die schwierige Kindheit ihrer Tochter frei. Die Schreiattacken bis zum Kollaps. Die Weigerung zu essen. Das Mobbing in der Schule. Die mangelnde Unterstützung aus dem Umfeld. „Unsere Tochter verschwindet in eine Art Dunkelheit und hört quasi auf zu funktionieren“, heißt es an einer Stelle. Auch die jüngere Tochter Beata leidet – unter Vernachlässigung. All das hätte die Familie fast zerrissen. Als Greta die Diagnose Asperger bekam, war das geradezu erlösend.

Vom Klima ist im ersten Drittel des Buchs kaum die Rede. Es wird von der tiefen Sorge einer Mutter um ihre Tochter getragen. Greta ist ein „ausgebrannter Mensch auf einem ausgebrannten Planeten“. Bis die Sorge der Mutter in Bewunderung, man könnte auch sagen: Anhängerschaft übergeht. Ernman sieht, wie das Engagement für eine wichtige Sache ihrer Tochter aus der Dunkelheit hilft – und deutet die Diagnose der Tochter in eine Fähigkeit, eine „Superkraft“ um. Greta, heißt das, sieht, was andere nicht sehen wollen.

Die Wissenschaft ist sich weitgehend einig: Die Zivilisation ist in Gefahr, es braucht ein radikales Umdenken, sofort. Es ist die Stärke des Buches, die Lage so schonungslos zu benennen, wie sie ist. Einerseits. Andererseits stellt sich die Frage, ob der empörte, ja wütende Tonfall, in den Ernman verfällt, bei manchem nicht eher Trotz bewirkt. Dabei fragt sie ja völlig zu Recht: Wie können die Leute sehenden Auges auf ihren Untergang zusteuern?

Obwohl das auch Greta umtreibt, gerät sie zunehmend zur Nebenfigur, die immer dann auftaucht, wenn die Mutter ein schlaues Zitat oder Bestätigung braucht. Und manchmal wirkt es, als suche Ernman im Schreiben über die radikale Hingabe an das Klima-Thema die Bestätigung dafür, dass das alles schon einen Sinn hatte: die Diagnosen ihrer Töchter – Beata leidet an ADHS – der Verzicht auf Flugreisen und anderen Luxus, das Ende ihrer Karriere als gefeierte Sängerin.

„Szenen aus dem Herzen“ ist mehr ein Klima- denn ein Greta-Buch, mehr Empörungs- denn Aufklärungsschrift. Es ist drastisch und in seiner Forderung ganz und gar kompromisslos. Manchem Skeptiker wird es nur noch ein Beleg dafür sein, dass die junge Schwedin in fremdem Auftrag handelt – auch wenn Malena Ernman beim Schreiben noch nichts von der künftigen Rolle ihrer Tochter wissen konnte. Bei allen anderen aber wird das Unbehagen wachsen.

Was, fragt man sich am Ende, kann uns jetzt noch helfen? Die erschreckende Erkenntnis: nur wir selbst.

Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman

„Szenen aus dem Herzen“; 256 Seiten, Fischer, 18 Euro.

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