München – In diesen Tagen feiert das Grundgesetz 70. Geburtstag. Doch wie sah das Land aus, als es geschrieben wurde? Ein Blick auf Zahlen von damals und heute zeigt: Zunächst langsam, dafür aber stetig, wuchs der Wohlstand. Auch die Bevölkerung wuchs. Gleichzeitig wurde sie älter.
Dezember 1950: Eineinhalb Jahre nach der Währungsreform zeugen die Zeitungsannoncen der Kaufhäuser von einem reichen Warenangebot. Radioapparate, Pelzmäntel und teure Teppiche werden kurz vor Weihnachten angepriesen. Doch noch wenige können sich diese Luxusgüter leisten. Schon für Lebensmittel müssen die Westdeutschen im Vergleich zum Einkommen tief in die Tasche greifen.
Zarte Anfänge des Wohlstands
Im Jahr 1950 kostet das Kilogramm Roggenbrot etwa 45 Pfennige, ein Kilogramm Schweinefleisch 4,40 Mark. Für ein Pfund Kaffee muss man 1950 stolze 14 Mark bezahlen, für ein Paar Herrenschuhe 32 Mark. Bei Hertie in München kostet das halbe Kilo Brathuhn im Weihnachtsgeschäft 2,50 Mark, also in etwa so viel wie heute beim Discounter. Doch der durchschnittliche Monatsverdienst eines Arbeiters beträgt 1950 gerade einmal 345 Mark.
„Für Lebensmittel, Kleidung und Schuhe gaben die Westdeutschen in den 50ern über die Hälfte ihres Einkommens aus“, sagt Professor Jan-Erik Hesse vom Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bayreuth. 1998 waren es nicht mal mehr 20 Prozent.
1950 ist das erste Nachkriegsjahr, für das eine Vielzahl von Informationen zur Bevölkerung und der wirtschaftlichen Entwicklung systematisch und in einer mit späteren Jahren vergleichbaren Form vom Statistischen Bundesamt erfasst wurde. Seitdem wuchs die Wirtschaft im Durchschnitt jedes Jahr um 3,4 Prozent. Eine Delle erhielt das Wachstum, das 1955 bei über zwölf Prozent gelegen hatte, erstmals 1967. Dämpfer gab es auch 1975 und 1982 im Zuge der Ölkrisen sowie 1993 und 2009 infolge des Irak-Krieges und der Weltwirtschaftskrise. Doch meist waren starke Aufholeffekte in der Folge zu verzeichnen. 2017 betrug das durchschnittliche Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten 3770 Euro im Monat.
Wenn auch weniger stark, stiegen parallel die Verbraucherpreise, seit 1950 im Schnitt jedes Jahr um 2,5 Prozent. Das ist bis heute etwas mehr als eine Vervierfachung. Bis ein Wohlstand, wie wir ihn heute kennen, die breite Bevölkerung erreichte, dauerte es. „Zunächst leisteten sich die Menschen bessere Lebensmittel“, sagt Historiker Hesse, „in einer zweiten Konsumwelle dann Stoffe zum Nähen von Kleidern.“ Modezeitschriften lieferten Schnittmuster. Haushaltsgeräte und Autos verbreiteten sich erst in den 60ern. Auslandsreisen bildeten dann in den 70er-Jahren die nächste Konsumwelle.
Bundesbürger waren weniger und jünger
Am Ende des Jahres 1950 zählte das Statistische Bundesamt noch 51 Millionen Einwohner in der Bundesrepublik. Fast ein Drittel war jünger als 20 Jahre, nicht einmal jeder zehnte war älter als 64 Jahre.
Bis 1990 wuchs die westdeutsche Bevölkerung um 12,8 Millionen Menschen. Zusammen mit den 16 Millionen Ostdeutschen lebten nach der Wiedervereinigung 79,8 Millionen Menschen in der Bundesrepublik. Anfang 2018 waren es dann 82,8 Millionen. Und die waren im Schnitt 44,4 Jahre alt. Schon mehr als jeder fünfte in Deutschland lebende Mensch ist heute 65 oder älter. Nur noch 18,4 Prozent sind Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Gesunken ist der Frauenanteil an der Bevölkerung. Fünf Jahre nach dem Krieg, in dem über fünf Millionen deutsche Männer als Soldaten starben – die letzten von ihnen waren noch in Kriegsgefangenschaft –, lag er bei 53 Prozent. Heute beträgt er 50,7 Prozent.
Frauen arbeiteten oft noch ohne Lohn
Weit niedriger als heute war 1950 die Zahl der berufstätigen Frauen. Die Frauen-Erwerbsquote in der Bundesrepublik lag damals bei 40 Prozent. Jede dritte arbeitende Frau war damals unbezahlt im Familienbetrieb tätig. Bis 1980 stieg die Zahl erwerbstätiger Frauen auf 50 Prozent. Auch durch die Vereinigung mit der DDR, wo mehr Frauen berufstätig waren, stieg die Frauen-Erwerbsquote bis 2018 auf 78 Prozent. Der Anteil der Selbstständigen unter den erwerbstätigen Frauen blieb mit 6,8 Prozent seit 1950 dagegen fast unverändert. Als Bundestagsabgeordnete arbeiteten 1950 lediglich 28 Frauen, im aktuellen Bundestag gibt es immerhin 218 weibliche Abgeordnete.