Kasseler Regierungspräsident aus nächster Nähe erschossen

von Redaktion

Kassel – Der Kasseler Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke ist auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha erschossen worden. Im Kopf des 65-Jährigen ist ein Projektil aus einer Kurzwaffe gefunden worden, die aus nächster Nähe abgefeuert wurde.

Für einen Suizid gibt es keine Anhaltspunkte. Die Staatsanwaltschaft Kassel hat deshalb ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Tötung eröffnet. Das teilten Sabine Thurau, Präsidentin des Hessischen Landeskriminalamts (LKA), und Horst Streiff, Leiter der Staatsanwaltschaft Kassel, bei einer Pressekonferenz am Montagabend mit.

Zahlreiche Medienvertreter waren zu der Pressekonferenz bei der Staatsanwaltschaft an der Frankfurter Straße erschienen. Die meisten Fragen wurden allerdings von Thurau und Streiff nicht beantwortet. Viele nicht aus „ermittlungstechnischen Gründen“, wie die beiden betonten. Die erste Phase nach der Tat sei nämlich „ermittlungsentscheidend“.

Fest stehe, so Streiff, dass Lübcke am frühen Sonntagmorgen um 0.30 Uhr von einem Angehörigen auf der Terrasse gefunden worden sei. Anschließend habe es Wiederbelebungsversuche gegeben, allerdings ohne Erfolg. Lübcke wurde in die Kreisklinik nach Wolfhagen gebracht, wo um 2.35 Uhr sein Tod festgestellt wurde. Ob Lübcke an dem Abend Besuch hatte, was er auf der Terrasse gemacht hat und ob jemand einen Schuss in Istha gehört hat, dazu wurden keine Angaben gemacht. Ebenso wenig darüber, ob Lübcke selbst eine Waffe oder einen Waffenschein hatte.

Auch zur Tatwaffe wurden keine Angaben gemacht. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte Thurau. Bislang gebe es noch keine Erkenntnisse auf einen Tatverdächtigen oder über ein Motiv. Schnell gehen die Fragen auf das Jahr 2015 zurück, als Lübcke aufgrund von Äußerungen zur Flüchtlingskrise Morddrohungen bekam. Hier wird die LKA-Präsidentin konkret: Die Bedrohungen seien 2015 bewertet worden, man habe damals entsprechende Maßnahmen ergriffen. Man habe aber aktuell keine Hinweise darauf, dass das Motiv des Täters im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und den damaligen Äußerungen des Regierungspräsidenten stehe, betonte Thurau. Eine Gefährdungslage für den RP habe es zuletzt nicht gegeben. Lübckes Familie werde betreut. Das LKA habe am Sonntagmorgen die Ermittlungen übernommen. Das geschehe immer dann, wenn eine Person des öffentlichen Lebens Opfer eines Tötungsdelikts geworden ist. Die Sonderkommission mit 20 Ermittlern werde in Nordhessen angesiedelt. Zudem liefere das Bundeskriminalamt Unterstützung.

Eine Rolle könnte nach Informationen der Hessische/Niedersächjsche Allgemeine“ (HNA) auch ein Mann spielen, den Walter Lübcke womöglich im Umfeld der derzeitigen Kirmes unweit seines Wohnhauses in Istha getroffen haben soll.

Dr. Walter Lübcke wurde 65 Jahre alt. Seit zehn Jahren stand der Christdemokrat an der Spitze des Kasseler Regierungspräsidiums. Offiziell hatte seine Dienstzeit am 31. März geendet. Doch auf Wunsch des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier hatte er verlängert. Walter Lübcke war promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Er galt als bodenständiger Macher und Mann des klaren Wortes.

Er selbst sagte einmal über sich, er sei „Generalist“. Seine Mitarbeiter hätten es ihm leicht gemacht. Er wisse, dass er sich auf sie verlassen könne. Seine Bilanz als Regierungspräsident lautete: „Es waren zehn gute Jahre.“ Dr. Walter Lübcke hinterlässt Ehefrau und zwei erwachsene Söhne.

ULRIKE PFLÜGER-SCHERB UND KATHRIN MEYER

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