Brasiliens Armee kämpft gegen die Flammen

von Redaktion

Präsident Bolsonaro ordnet unter internationalem Druck den Einsatz im Amazonasgebiet an

Von MARTINA FARMBAUER

Rio de Janeiro – Jair Bolsonaro ist, auch dank der sozialen Medien, ein Meister der Selbstdarstellung. Als Redner ist er nicht sonderlich begabt. Am vergangenen Freitag hat sich der Präsident jedoch in einer Fernsehansprache an die brasilianische Bevölkerung gewandt, und irgendwie auch an die internationale Gemeinschaft. Nicht nur die Form der Kommunikation, sondern auch der Inhalt war ungewöhnlich. „Ich habe tiefe Liebe und Respekt für Amazonien“, sagte Bolsonaro. „Den Regenwald zu schützen ist unsere Pflicht.“ Er sei „nicht zufrieden“ mit der Situation in Amazonien, wo der Wald in Flammen steht, und kündigte „hartes Durchgreifen“ an. Bolsonaro unternahm den – ebenfalls ungewöhnlichen – Schritt, das Militär in das Amazonas-Gebiet zu schicken, um dabei zu helfen, die Brände einzudämmen.

Nachdem die brasilianische Regierung die Waldbrände ignoriert und dann tagelang abgetan hatte, kam die plötzliche Kehrtwende, als die internationale Empörung über die zunehmende Abholzung und Brandrodung des größten Regenwaldes der Welt wuchs. Führende europäische Politiker drohten, das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur, zu dem außer Brasilien auch Argentinien, Paraguay und Uruguay gehören, platzen zu lassen. Demonstranten protestierten vor brasilianischen Botschaften, Aufrufe in den sozialen Medien forderten einen Boykott brasilianischer Produkte. Solche Strafmaßnahmen könnten die Wirtschaft Brasiliens, die nach einer schweren Rezession bereits strauchelt, weiter schwächen.

„Wir sind sehr froh gewesen, als das Abkommen nach 20 Jahren Verhandlungen endlich unterzeichnet war“, sagt Thomas Junqueira Ayres Ulrich, Geschäftsführer des „Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“, eines der größten Industrieverbände Europas, in São Paulo, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Nun sind wir doch besorgt“. Djalma Vilela wird noch deutlicher. „Ich sehe das mit großer Angst“, sagt der Exekutivdirektor des Logistikdienstes „Multilog“ in Itajaí im Bundesstaat Santa Catarina. „Die Art und Weise, in der er (Bolsonaro) die Angelegenheit handhabt, ist desaströs.“ Außer, dass Brasilien deswegen – wie von Deutschland – Geld für Projekte im Amazonas-Gebiet verloren habe, fängt sein Gebaren an, das Abkommen zu beeinflussen.

Sogar führende Vertreter der Agrarlobby, die maßgeblich an der Unterstützung Bolsonaros und für nahezu ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts Brasiliens verantwortlich ist, warnen inzwischen vor den Folgen, wenn auch nicht, weil sie sich um das Amazonas-Gebiet sorgen. Sondern weil sie um ihr Geschäft fürchten. „Wir zahlen einen sehr hohen Preis“, sagte der Sojabaron und ehemalige Agrarminister Blairo Maggi jüngst der Wirtschaftszeitung „Valor“.

Diesem internen und externen Druck hat Jair Bolsonaro nachgegeben, wenn er auch sagte: „Waldbrände gibt es überall auf der Welt, und das kann kein Vorwand für mögliche internationale Sanktionen sein.“ So kämpfen nun 44 000 Soldaten gegen die Brände im Amazonasgebiet, sollen Brandstifter verfolgen. Das Wirtschaftsministerium habe 38,5 Millionen Reais (8,3 Mio Euro) freigegeben, berichtete das Nachrichtenportal G1. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein. Unter anderem soll geklärt werden, warum die Polizei einen angekündigten „Tag des Feuers“ nicht verhinderte. Dabei hatten Farmer zahlreiche Brände gelegt und sich Medienberichten zufolge explizit auf Bolsonaro berufen.

Bolsonaro hatte bereits im Wahlkampf angekündigt, Amazonien zur wirtschaftlichen Nutzung freizugeben, was Holzfäller, Goldsucher und andere Eindringlinge in geschützte Gebiete ermutigt, die Abholzung und Brandrodung befördert. Jedes Jahr brennt in Brasilien um diese Jahreszeit der Regenwald. Aber die Brandsaison hat in diesem Jahr früh begonnen. Seit Bolsonaro im Januar sein Amt angetreten hat, ist die Abholzung gestiegen. Das brasilianische Amazonas-Gebiet hat in den ersten sieben Monaten des Jahres mehr als 1330 Quadratkilometer Waldfläche verloren, was einem Anstieg von 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht. Die Zahl der Feuer in Amazonien liegt bisher bei mehr als 70 000. Das ist der höchste Wert seit 2010 und dem Nationalen Institut für Weltraumforschung INPE zufolge, das Satellitenbilder auswertet, um Abholzung und Brandrodung zu erfassen, 80 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Allein seit Donnerstag sind im Regenwald mehr als 1500 neue Feuer ausgebrochen.

Die meisten Feuer werden gelegt, um Flächen für Landwirtschaft und Viehzucht bereitzustellen. Die Nasa bestätigte auch, dass es möglich gewesen sei, Brandherde in der Nähe von brasilianischen Straßen und Städten auszumachen. Die US-amerikanische Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft verbreitete etwa ein Satellitenbild, das die Gemeinde Novo Progresso im Bundesstaat Pará zeigt. Die Gemeinde liegt an der BR-163, die auch als „Soja-Straße“ bekannt ist, weil Lastwagen über sie Soja aus den Anbaugebieten im Süden Amazoniens zu den Häfen im Norden transportieren, von wo das Soja unter anderem nach Europa gelangt. Dort dient es als Futter für Schweine und Rinder. Das meiste Soja in Brasilien bauen die Produzenten immer noch im Bundesstaat Mato Grosso an, der im Süden an den Pará grenzt. Die Plantagen rücken jedoch immer weiter in den Norden vor, was zusammen mit dem Ausbau der BR-163 zu Landspekulation führt.

Wo der Regenwald schon abgeholzt ist, steht bisweilen eine Kuh auf einem Hektar. Es schmerzt, prallen Regenwald und dann abgeholzte oder abgebrannte Flächen zu sehen. Die brasilianische Regierung scheint eine solche internationale Anteilnahme nicht erwartet zu haben. Regionale Politiker sind überfordert, ebenso die Feuerwehrleute. Gladson Cameli, der Gouverneur des Bundesstaates Acre, hat als letzter der neun Staaten im brasilianischen Amazonas-Becken den Notstand ausgerufen und ordnete die Evakuierung von Gebieten an, die das Feuer bedroht. „Es ist unmöglich, überall gleichzeitig zu sein“, sagte der Feuerwehrchef.

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