Ayutla de los Libres – Die Augen von Aldo Gutiérrez Solano bewegen sich von einer Seite zur anderen. Sein Blick ist leer und zugleich traurig. Vor fünf Jahren flog eine Kugel durch seinen Kopf, seitdem liegt er mit einem schweren Hirnschaden im Wachkoma. In einem Haus in der Nähe seines Heimatdorfes im mexikanischen Bundesstaat Guerrero hat der Staat ein Krankenzimmer für ihn eingerichtet.
Aldos Mutter Gloria Solano verkneift sich die Tränen, wenn sie dort bei ihm ist. Sie wolle für ihren Sohn stark sein, sagt sie. Die Hoffnung, irgendwann wieder mit ihm reden zu können, gibt sie nicht auf, obwohl sie weiß, dass das unwahrscheinlich ist. Die 61-Jährige schätzt sich sogar gewissermaßen glücklich: „Wir können ihn wenigstens sehen“, sagt sie über Aldo. „Den anderen Eltern fehlt jede Spur ihrer Kinder.“
Gemeint sind 43 Studenten des Lehrerseminars Ayotzinapa, die am Abend des 26. September 2014 in der Stadt Iguala in Guerrero von Polizisten verschleppt wurden und seitdem als verschwunden gelten. Insgesamt war eine Gruppe von rund 100 Studenten in mehreren Bussen unterwegs, die sie gekapert hatten, um zu einer Demo in der rund 200 Kilometer nördlich gelegenen Hauptstadt Mexikos zu fahren – eine Art Tradition der linken Hochschule für junge Menschen aus der armen Landbevölkerung. In Iguala griff die Polizei die Studenten an, jagte sie durch die Stadt und schoss auf sie. Dabei kamen sechs Menschen ums Leben, 25 wurden verletzt – darunter Aldo. Warum die Polizisten das machten, ist unklar. Gewiss ist, dass sie mit dem Verbrechersyndikat Guerreros Unidos unter einer Decke steckten. Diesem übergaben sie ihre 43 Gefangenen.
Was danach geschah, ist bis heute ungeklärt. Nach Aussagen von Verdächtigen wurden die jungen Männer getötet und verbrannt. Unabhängige Untersuchungen zweifeln das an, da Beweise fehlen. Überreste wurden bis auf einen Knochen nicht gefunden. Mehr als 140 Verdächtige wurden festgenommen, darunter der damalige Bürgermeister und der Polizeichef von Iguala. Viele von ihnen kamen inzwischen wieder frei – darunter einer der Hauptverdächtigen, der mutmaßliche Regionalchef der Guerreros Unidos. Denn ihre Aussagen wurden mit Folter erzwungen, verurteilt wurde niemand.
Wegen der Anzahl der Verschwundenen und der offensichtlichen Verwicklung der Sicherheitskräfte sowie der Lokalpolitik hat der Fall großes Entsetzen in Mexiko wie auch im Ausland ausgelöst. Die Tragödie steht aber auch für ein allgemeineres Problem in Mexiko. „Dies ist ein beispielhafter Fall für die schweren Menschenrechtsverletzungen in diesem Land und das Zwangsverschwinden, aber auch für die fehlende Aufarbeitung, die Straflosigkeit“, sagt Anwältin Sofía de Robina. Die Gewalt der mächtigen Banden, die Drogenhandel, Entführung und Erpressung betreiben, geißelt Mexiko seit Jahren. Allein 2018 gab es fast 36 000 Morde, darüber hinaus gelten 40 000 Menschen als vermisst. „Wir alle, die zu dieser Thematik arbeiten, wissen, dass die Justiz und die staatlichen Ermittlungsorgane ganz oft völlig korrupt sind“, betont Jürgen Moritz, ein deutscher Menschenrechtsexperte, der für die mexikanische Organisation CMDPDH arbeitet. „Und nachweisbar durchsetzt mit Leuten, die mit der organisierten Kriminalität zu tun haben oder unter Druck gesetzt werden.“
Ayotzinapa sei ein wichtiger symbolischer Fall, meint Moritz. Es bestehe aber auch die Gefahr, dass durch die hohe Aufmerksamkeit darauf andere Opfer in Vergessenheit gerieten. Angehörige anderer Opfer beklagen sich ihm zufolge privat: Und was ist mit uns? „Lebend habt ihr sie uns genommen, lebend wollen wir sie zurück“, lautet ein Spruch, mit dem die Angehörigen der 43 Verschwundenen um Gerechtigkeit kämpfen. Auch nach fünf Jahren gehen ihre Proteste weiter. „Es kommt ein weiterer Jahrestag, ohne, dass sie wüssten, wo sie sind“, sagt die Anwältin De Robina. „Das löst enormen Schmerz aus.“ Die Familie von Aldo Gutiérrez weiß zwar, wo er ist. Zurück hat sie ihn dennoch nicht.