Karel Gott: In München wurde er entdeckt

von Redaktion

Karel Gott, einer der größten Stars der Schlagerwelt, ist tot. Die „goldene Stimme aus Prag“ starb am Dienstagabend kurz vor Mitternacht im Alter von 80 Jahren.

VON ZORAN GOJIK

München/Prag – Eine Welt ohne Gott kann man sich kaum vorstellen. Jedenfalls wenn man im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts im Westen Deutschlands aufgewachsen ist mit drei Fernsehsendern, allgegenwärtigen deutschen Schlagern und eben Karel Gott. Diesen unerschütterlich gut gelaunten Tschechen, der irgendwie immer da war.

Auch als es mit dem deutschen Schlager langsam bergab geht, bleibt Karel Gott, ewig lächelnd, einfach da. Er hat, wie so oft in seinem Leben, unverschämtes Glück gehabt. 1975 spaziert Gott auf der Suche nach einem Cafe durch München-Schwabing und begegnet dabei dem Komponisten Karel Svoboda. Der hat gerade für die Zeichentrickserie „Die Biene Maja“ das Titellied komponiert und braucht einen Sänger. Man einigt sich auf der Straße darauf, das Lied sofort aufzunehmen. Keine halbe Stunde später ist das Ding im Kasten und wird der größte Hit, den Gott je haben wird und sein Markenzeichen, das ihn im Geschäft hält. Jahrzehnte später können Menschen, die erst lange nach der Erstausstrahlung der Serie geboren wurden, jede Zeile mitsingen und Gott ist nie genervt, wenn er darauf angesprochen wurde. Ein Lied, das nach Jahrzehnten noch jedermann präsent ist – das ist ein Jackpot.

Karel Gott ist ein notorisches Glückskind und das ist ihm auch bewusst, deswegen hat er sein Schicksal nie herausgefordert und hat mutmaßlich genau deshalb diese ganz erstaunliche Karriere.

Als gelernter Elektriker ist die große weite Welt des Showgeschäfts weit weg in Gotts Jugend. Aber, man ahnt es, er hat einfach Glück. Als 18-Jähriger tritt er bei einem Talentwettbewerb an und fällt durch. Allerdings wird bei dieser Gelegenheit der einflussreiche Jazzmusiker Karel Krautgartner auf ihn aufmerksam, dem auffällt, das Gott beim Publikum ankommt.

Mit Krautgartners Unterstützung darf Gott am Musikkonservatorium Prag Gesang studieren. Diese professionelle Ausbildung wird eines seiner Erfolgsgeheimnisse, auf seine Stimme wird sich Gott über Jahrzehnte verlassen können.

Mitte der 60er hat sich Karel Gott in seiner Heimat schon einen Namen gemacht, aber eher als Interpret jazzig angehauchter Songs, dort gilt er immer als eine Art tschechoslowakischer Frank Sinatra. In Deutschland allerdings singt er völlig andere Lieder. Die Plattenfirma Polydor ist auf den gut aussehenden Tschechen mit dem kräftigen Tenor und dem einnehmenden Wesen aufmerksam geworden. 1967 wird die erste deutschsprachige Single veröffentlicht und sofort ein Hit: „Weißt Du wohin“ hält sich fast ein halbes Jahr in der Hitparade. Im Herbst 1968 schießt sein deutschsprachiges Debütalbum „Die goldene Stimme aus Prag“ auf den ersten Platz der Charts – was leicht bizarr ist, weil in Spätsommer diesen Jahres in eben jenem Prag sowjetische Panzer die zarte Reformbewegung in der Tschechoslowakei niedergewalzt hatten.

Gott bleibt dezidiert unpolitisch und dem deutschen Publikum ist das letztlich herzlich egal. Zuhause in Prag ist es manchen nicht ganz so egal, dass sich Gott jeder Haltung entzieht und weiter sein privilegiertes Leben als Wanderer zwischen Ost und West genießt. Gott geht nicht ins Exil, obwohl es für ihn ein Leichtes gewesen wäre, er bleibt bewusst. Gott, ein kluger Kopf, weiß, dass die Sache mit der „goldenen Stimme aus Prag“ nur funktioniert, wenn er tatsächlich ein Exot bleibt, der aus dem Ostblock vorbeischaut und damit ein einzigartiges Wiedererkennungsmerkmal hat. Er führt zwei Leben gleichzeitig, eines im Osten, eines im Westen – Gott hat sich damit eingerichtet und nimmt es wie es kommt, mutmaßlich ist dieser Ansatz der Grund für den sagenhaften Erfolg, den er hat. Sogar bis nach Las Vegas führt ihn der Weg. Er ist dort der Typ, der einspringt und Pausen überbrückt, aber er wird immerhin als „Europas Superstar“ beworben, was nicht einmal verkehrt ist, bei über 25 Millionen verkauften Platten. Millionär ist er deswegen erst mal nicht. Die Einnahmen fließen in die Staatskasse, das ist der Preis dafür, frei reisen zu können und Gutscheine für exklusive Geschäfte in Prag zu erhalten, in denen man Westwaren erwerben kann. Davon können seine Landsleute nur träumen und Gott wird sich nie beschweren. Ein wichtiger Grund mutmaßlich, dass fast jeder Karel Gott mag. Er ist immer freundlich, professionell und weiß, was von ihm erwartet wird. Die Tatsache, dass der notorische Schürzenjäger Gott bis ins Rentenalter ein ziemlicher Hallodri ist, verstärkt eher die Zuneigung.

Er lebt den Traum, den viele haben. Erst mit 68 Jahren heiratet Gott, bekommt zwei Töchter und wird sehr spät ein Familienmensch. Und bleibt präsent – Bushido, der böse Bube des deutschen Gangster-Rap, hört 2007 Gotts deutsche Version des Alphaville-Klassikers „Forever Young“ und schlägt eine Kooperation vor. So kommt es, dass sehr junge deutsche Hip-Hop-Fans wissen, wer Karel Gott ist. Und in Wahrheit rettet sein glasklarer Gesang natürlich das Stück.

Auch nach einer schweren Krebserkrankung erklärt Gott, er sei ein glücklicher Mann. Er hat es geschafft, immer gut gelaunt zu bleiben, was an sich schon eine Lebensleistung ist. Erst im September hatte er öffentlich erklärt, dass er an Leukämie leidet. Nun ist der begnadete Lebenskünstler, leidenschaftliche Europäer und aus Prinzip Jugendliche mit 80 Jahren gestorben. Eine Welt ohne Gott, man wird sehen, ob so etwas auszuhalten ist.

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