Der Tod kam per Schiff von der Krim

von Redaktion

Nichts deutet beim Coronavirus, das sich als Folge der Globalisierung von China aus weltweit verbreitet, auf eine hohe Sterblichkeit hin. Wir nehmen das aber zum Anlass für eine Serie mit einem historischen Rückblick auf große Seuchen, die ebenfalls eine enorme Ausbreitung erlangten – wie etwa die Pest.

VON BARBARA WILL

München – Sie hatten sich auf einen Landsitz in der Nähe von Florenz zurückgezogen, sieben junge Frauen und drei Männer. Zum Zeitvertreib erzählten sie sich in zehn Tagen 100 Geschichten. In der Stadt aber wütete die Pest. Der italienische Dichter Giovanni Boccaccio hat in seiner Novellensammlung „Dekameron“ die Seuche in die Weltliteratur geschrieben.

Die Pest verheerte in mehreren Wellen Europa und entvölkerte ganze Landstriche. Allein die Pandemie zwischen 1347 und 1353, die Boccaccio als Zeitzeuge schildert, kostete 25 Millionen Menschen das Leben, ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas. Schon im sechsten Jahrhundert nach Christus hatte sich die Justinianische Pest, benannt nach dem oströmischen Kaiser, vom Orient ausgehend im ganzen Mittelmeerraum ausgebreitet. Seit dem Mittelalter überfiel die Seuche, später Schwarzer Tod genannt, immer wieder Europa, am stärksten im 14. Jahrhundert. In London und Südengland grassierte sie 1665. In Nord- und Osteuropa fielen ihr zwischen 1708 und 1714 eine Million Menschen zum Opfer.

Ende des 19. Jahrhunderts begann die dritte Pest-Pandemie in China. Damals, 1894, gelang es dem französisch-schweizerischen Arzt Alexandre Yersin, den tödlichen Erreger zu entdecken, der später ihm zu Ehren Yersinia pestis genannt wurde. Die Pest fasste in Europa nicht mehr Fuß. In Indien, China und Madagaskar ist sie hingegen nicht ganz erloschen. Allerdings kann sie heute mit Antibiotika geheilt werden. Als Yersin 1894 in Hongkong ankam, fielen ihm die vielen toten Ratten auf dem Boden auf. Er vermutete in ihnen die Verbreiter der Epidemie – und hatte Recht. Das Pest-Bakterium nistet sich in Nagetieren, aber auch in anderen Warmblütern ein. Sind diese verendet, übertragen ihre Flöhe den Erreger auf Menschen.

Die Pest beginnt mit Kopf- und Muskelschmerzen sowie Übelkeit, schildert der Gesundheitsdienst des Auswärtigen Amts die ersten Symptome. Bei der meist durch Flohstiche übertragenen Beulenpest bilden sich Beulen am ganzen Körper. Eine tödliche Blutvergiftung kann folgen. Besiedelt der Erreger die Lunge, breitet er sich durch Tröpfcheninfektion aus. Wird der Kranke nicht schnell behandelt, versagen Herz und Kreislauf.

Die Pest-Pandemie, die Boccaccio schildert, nahm den Seeweg. Bei der Belagerung des genuesischen Handelsposten Kaffa auf der Krim sollen Tataren Pesttote mit Katapulten in die Stadt geschleudert haben. Deren Bewohner flohen per Schiff. In Marseille gingen sie an Land. Das Massensterben begann. Ihm folgte der soziale und wirtschaftliche Kollaps. Land konnte nicht mehr bestellt werden, Manufakturen standen still. Menschen flohen und ließen ihre Angehörigen im Stich. Die staatliche Ordnung existierte nicht mehr. Auf den großen Handelswegen reiste die Pest weiter. Erst Jahre nach ihrem Höhepunkt wurde erkannt, dass sie sich eindämmen ließ, indem man die Kranken isolierte. Für die Ursache der Epidemie wurden Sündenböcke gesucht – im Gefolge der Seuche löschten Judenpogrome ganze Gemeinden aus. Von 2010 bis 2015 zählte die Weltgesundheitsorganisation WHO 3248 Pest-Erkrankte weltweit, 584 von ihnen starben. In Madagaskar forderte die Lungenpest 2017 rund 200 Todesopfer. China meldete im November 2019 einen vierten Pestfall.

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