Genf/Wuhan – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die rasante Ausbreitung des neuartigen Coronavirus aus China zum internationalen Gesundheitsnotstand erklärt. Das bedeutet, dass die mehr als 190 Mitgliedsländer von der WHO empfohlene Krisenmaßnahmen gegen eine weitere Ausbreitung untereinander koordinieren.
Noch sei die Zahl der Infektionen außerhalb Chinas relativ gering, sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Donnerstagabend nach der Sitzung eines Expertenausschusses. Aber man wisse nicht, welchen Schaden das Virus in einem Land mit einem schwachen Gesundheitssystem anrichten würde. „Wir sitzen alle im selben Boot“, sagte Tedros. Das Virus könne nur gemeinsam aufgehalten werden. „Das ist die Zeit für Fakten, nicht Angst.“ Der Notstand heißt offiziell „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“.
Die Zahl der Infektionen hat inzwischen die der Sars-Infektionen vor 17 Jahren überstiegen. Mit 317 neuen Fällen, die die Behörden der schwer betroffenen Provinz Hubei in China gestern meldeten, kletterte die Gesamtzahl weltweit auf mehr als 8100. An Sars waren 8096 Menschen erkrankt. Auch wurden 38 Todesfälle verzeichnet, mehr als je zuvor an einem Tag. Insgesamt sind jetzt 170 Patienten gestorben. Mit der ersten Erkrankung in Tibet sind nun in allen Regionen und Provinzen Chinas Infektionen nachgewiesen. Der Anstieg ist rasant. Vor zwei Wochen waren 40 Fälle gezählt worden. Der Höhepunkt der Epidemie wird frühestens in einer Woche erwartet.
Außerhalb der Volksrepublik gibt es in rund 20 Ländern etwas mehr als 100 Infektionen. Vielfach sind die Infizierten Reisende aus China, aber es kommt auch zu neuen Ansteckungen außerhalb des Landes. Das Virus ist tückisch, weil Infizierte schon in der bis zu zweiwöchigen Inkubationszeit ansteckend sind, ohne krank zu sein und Symptome zu zeigen. Auch Frankreich meldete eine weitere Infektion. Bei der fünften Erkrankung im Land handele es sich um die Tochter eines erkrankten 80-jährigen Touristen aus China.
Die WHO empfiehlt nun, dass Länder mit weniger entwickelten Gesundheitssystemen unterstützt werden sollen. Zudem soll die Arbeit an Medikamenten und Impfstoffen beschleunigt, Wissen und Daten geteilt und gegen Gerüchte vorgegangen werden. Gleichzeitig empfiehlt die WHO aber keine Handels- und Reisebeschränkungen. Die überwältigten Krankenhäuser in der schwer betroffenen Provinz Hubei leiden an einem Mangel an Material. Wie der Sprecher der Gesundheitskommission, Mi Feng, sagte, seien die Produktionskapazitäten hochgefahren worden.
Viele Länder haben in den vergangenen Tagen schon eigene Maßnahmen ergriffen. „Wenn jedes Land seine eigenen Maßnahmen verhängt, kann das das Rezept für ein Desaster sein, etwa wirtschaftlich“, warnte WHO-Nothilfekoordinator Michael Ryan. Die WHO kann aber kein Land zwingen, bestimmte Maßnahmen zu ergreifen.
Forschungsinstitute rund um den Globus suchen mit Hochdruck nach einem Impfstoff gegen das neue Corona-Virus. Es dauere mindestens drei Monate, bis sich ein Impfstoff als wirksam erwiesen haben könnte, sagte der renommierte chinesische Epidemiologe Li Lanjun in einem Interview. Es seien bisher fünf Erregerstämme isoliert worden. „Zwei eignen sich sehr gut für die Entwicklung eines Impfstoffes.“
Wegen Verdacht auf das Coronavirus an Bord saßen derweil gestern rund 7000 Passagiere und Besatzungsmitglieder auf einem Kreuzfahrtschiff vor Italien fest. Die Gesundheitsbehörden der italienischen Hafenstadt Civitavecchia nördlich von Rom schickten gestern Morgen nach eigenen Angaben ein Ärzteteam an Bord, nachdem sie über eine chinesische Passagierin mit Fieber informiert wurden. Der Frau und ihrem Mann wurden Proben entnommen. Die 54-jährige Touristin aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau und ihr Begleiter seien in der Nacht im Krankenrevier des Schiffs isoliert worden. Der Verdacht bestätigte sich allerdings nicht – erst am Abend kam die Entwarnung.
Das chinesische Wirtschaftswachstum dürfte nach Ansicht der US-Notenbank etwas geringer ausfallen. Es sei noch zu früh, die Auswirkungen genau zu prognostizieren, aber eine „gewisse Störung“ des Wirtschaftslebens in der kurzen Frist sei sehr wahrscheinlich, sagte Notenbankchef Jerome Powell.
Im Internet kursieren wilde Spekulationen über die Herkunft des Virus. So soll ein von der Gates-Stiftung unterstütztes Institut ein Patent auf das aktuelle Coronavirus halten. Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Auch ist es falsch, dass die Gates-Stiftung Wochen vor dem aktuellen Coronavirus-Ausbruch 65 Millionen Tote prognostiziert haben soll.