Koala-Massaker im Süden Australiens

von Redaktion

Tiere sterben, als Grundbesitzer Eukalyptuswald zur Gewinnung von Weidefläche roden ließ

Von SISSI STEIN-ABEL

Christchurch – Cape Bridgewater, eine Halbinsel 370 Kilometer westlich von Melbourne gelegen, ist bekannt für die höchsten Klippen des australischen Bundesstaats Victoria. Dort herrscht jetzt Entsetzen, das ein Grundbesitzer verursacht hat. Victorias Umweltministerin Lily D’Ambrosio hat es als „Verbrechen“ und „abgrundtiefen Akt der Grausamkeit“ bezeichnet: ein Koala-Massaker.

In dem abgelegenen Landstrich im Südwesten von Victoria liegen dutzende, vielleicht sogar hunderte tote, verhungerte und verletzte Koalas mit gebrochenen Knochen. In dieser Region hat kein Buschfeuer gewütet, sondern der Besitzer eines Waldes von Blauem Eukalyptus, einer der wenigen Eukalyptussorten, die Koalas überhaupt fressen. „Jeder Victorianer ist mit Recht nicht nur entsetzt, zutiefst traurig und untröstlich, sondern wütend“, sagt D’Ambrosio, „ich bin unglaublich wütend.“ Ohnehin ist der Schrecken darüber groß, dass zehntausende Koalas in den verheerenden Buschfeuern der vergangenen Monate in den Bundesstaaten New South Wales, Victoria, Queensland und South Australia gestorben sind.

In einem Video steht eine blonde Frau vor einer Mondlandschaft und weint. „140 Morgen Land wurden hier plattgewalzt, und sie haben alle Koalas umgebracht“, sagt sie schluchzend. „Schaut diese Zerstörung an. Da wurden Mütter mit ihren kleinen Babys umgebracht. Australien sollte sich dafür schämen.“ Die Frau heißt Helen Oakley und ist aus Portland, einer Kleinstadt nahe dem Ort des Verbrechens an den grauen Beuteltieren. Sie entdeckte die Verwüstung und die toten Koalas bei einer Wanderung vor einer Woche und alarmierte die Behörden.

Seither sind Ermittler auf dem zehn Kilometer langen Landstrich unterwegs, um sich einen Überblick über das Ausmaß des Vandalismus zu verschaffen. Kein Baum steht mehr, die Stämme liegen gestapelt am Rande des abgeholzten Areals. Tierärzte untersuchen die Koalas. Allein bis Montag wurden nach Angaben von Kate Gavens, der Leiterin der Umweltregulierungsbehörde, 80 Tiere untersucht und 30 eingeschläfert, mindestens 40 Koalas seien tot, aber „diese Zahl wird steigen, weil wir uns durch zehn Kilometer gefällter Bäume arbeiten müssen“.

Andy Meddick, ein Abgeordneter des Landesparlaments, sagte im Gespräch mit „The Guardian“: „In nur einem dieser Stapel habe ich zehn Koala-Leichen gesehen. Einige wurden zerquetscht, als die Bäume entwurzelt wurden. Einer hatte einen Arm zwischen zwei Ästen eingeklemmt und verhungerte.“ Ministerin D’Ambrosio versprach: „Wir werden alles tun, um die Leute, die dafür verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen und zu bestrafen.“ Die zur Verfügung stehenden Bußen unter dem Tierschutzgesetz muten jedoch fast lachhaft an: umgerechnet 4800 Euro plus 480 Euro pro verletztes oder getötetes Tier.

Es scheint gesichert, dass ein Holzfällunternehmen namens South West Fibre (SWF) im Oktober vom Landbesitzer engagiert wurde, um eine bestimmte Anzahl Bäume zu fällen, und dass diese Arbeit Mitte November beendet war. „SWF ließ eine angemessene Anzahl Habitat-Bäume für die Koala-Population stehen und teilte die Details darüber dem Landbesitzer mit, mit dem Hinweis, dass die Koalas unverletzt und in guter Gesundheit waren“, sagte die Firma in einem Statement. „Es sieht so aus, dass die übrigen Bäume nach Abschluss unserer Arbeit gefällt wurden. Das ist besorgniserregend für die Förster und Arbeiter, die gewissenhaft gearbeitet haben, um die Koalas während der Holzernte zu schützen.“ 72 Koalas hätten sich in dem Gebiet befunden, man habe zehn Hektar Restwald stehen lassen.

Keith Troeth, der das Land im Auftrag seines Vaters Russell bearbeitet, erklärte gegenüber der Zeitung „The Age“, er habe das Areal in der vergangenen Woche „so professionell wie möglich“ gerodet, um es als Weidegrund zu nutzen. „Vielleicht sind dabei ein, zwei Koalas gestorben, und dafür trage ich die Verantwortung, aber es ist nicht das große Brimborium, das jetzt veranstaltet wird.“ Dem entgegnet Victorias Ministerpräsident Daniel Andrews: „Der Grundbesitzer hat nicht zu entscheiden, was okay ist und was nicht. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat und dies bewiesen werden kann, dann wird er die volle Strenge des Gesetzes zu spüren bekommen.“

Neben der Umweltbehörde hat auch die Vereinigung der Waldproduzenten AFPA Ermittlungen eingeleitet. Der Vorsitzende Ross Hampton zeigte sich „erschüttert über diesen herzlosen Akt der Tierquälerei“ und kündigte an: „Ich werde sicherstellen, dass keines unserer Mitgliederunternehmen das gefällte Holz anrührt.“ Den mit den Fällarbeiten beauftragten Betrieb nahm er ausdrücklich in Schutz: „Sie haben sogar einen verletzten Koala, den sie während einer Inspektion fanden, zum Tierarzt gebracht.“

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