Volkmarsen/Frankfurt – Der Wind zerrt an den Planen, die den Tatort in Volkmarsen vor Blicken abschirmen sollen. Überall im Ortskern stehen noch Polizeiwagen. Einsatzkräfte sind an diesem Dienstagmorgen kaum auf der Straße – ebenso wie Bewohner. Einen Tag nach dem Vorfall, bei dem ein Mann mit seinem Auto in eine feiernde Menschenmenge raste, ist die nordhessische Kleinstadt weit entfernt von Normalität. Der 29-Jährige war nicht alkoholisiert. Ob er unter Drogeneinfluss gestanden habe, stehe noch nicht fest, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Der Mann, der laut „Bild“ Maurice P. heißt, sei bislang nicht vernehmungsfähig.
Die Zahl der Verletzten stieg bis zum Abend auf 61. Auch der Fahrer zog sich den Angaben zufolge Verletzungen zu. Der Mann kam in Untersuchungshaft. Das Motiv des deutschen Staatsbürgers, der aus Volkmarsen kommt, ist unklar. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Der Tatort in Volkmarsen wurde am Dienstag wieder freigegeben. Die Straße werde noch gereinigt und sei dann wieder für Fußgänger und Autofahrer nutzbar, sagte ein Polizeisprecher vor Ort.
Das Polizeipräsidium bat auch Verletzte, die nicht in ärztlicher Behandlung waren, sich zu melden. Am Dienstagmittag befanden sich noch 35 Menschen in stationärer Behandlung, wie die Polizei in Kassel mitteilte. Weitere wurden demnach ambulant behandelt. Die Zahl der verletzten Kinder liege bei 18, das jüngste sei drei Jahre alt. Wie stark die Kinder verletzt sind, war zunächst unklar.
Ein sogenanntes Gaffervideo hatte am Montag auch zu einer zweiten Festnahme geführt. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte, gegen den Festgenommenen werde wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Filmaufnahmen“ ermittelt. Ob es darüber hinaus einen Zusammenhang zu dem Vorfall gegeben habe, müsse noch ermittelt werden.
Noch am späten Montagabend hatte die Polizei vor dem Verbreiten angeblicher Fotos des Täters gewarnt. „Bei der abgebildeten Person handelt es sich definitiv nicht um den Täter“, schrieb die Polizei Nordhessen bei Twitter. „Teilen Sie keine Falschnachrichten!“, hieß es. Dazu stellte sie ein Bild, auf dem mehrere Menschen zu sehen sind, die neben einem Auto stehen. Ihre Gesichter wurden unkenntlich gemacht. Es würden derzeit Fotos kursieren, die angeblich die Festnahme des Täters zeigen sollen, hieß es in dem Tweet.
Erst vergangene Woche hatte der mutmaßlich rassistische Anschlag in Hanau die Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus erschüttert. Am Montag hatte der Abschied von den Opfern begonnen, in Offenbach wurde eine zweifache Mutter beigesetzt und in Hanau ein 23-Jähriger. Zahlreiche Menschen gedachten auf dem Hanauer Marktplatz bei einem öffentlichen Gebet der Opfer. Taten wie in Volkmarsen und in Hanau beträfen massiv das grundlegende Sicherheitsgefühl der Menschen, sagt der Essener Angstexperte Christian Lüdke. Nach Taten wie in Volkmarsen und Hanau entstehe jeweils ein neuer Fokus, auf den sich Aufmerksamkeit und Angst ausrichteten. Dies sei aber nur vorübergehend. Und sollte niemanden abhalten, „genau die Dinge zu tun, die wir geplant haben, mit den Kindern rausgehen, zum Umzug gehen oder zu einem Konzert“, wie Psychotherapeut Lüdke sagt. Soll man trotz der schrecklichen Bilder aus Volkmarsen feiern? Diese Frage treibt gestern Sicherheitsbehörden und Veranstalter in Hessen um. Am Vormittag entscheidet das Innenministerium, die Umzüge können starten. Es gebe keine konkreten Hinweise darauf, dass sich die Gefährdungslage erhöht habe.
In Volkmarsen waren am Abend nach der Tat Spezialkräfte zweimal in Häuser im Ortskern vorgedrungen. Die Gebäude werden weiter von der Polizei abgeschirmt. Wer da wohnt? Keine Ahnung, sagt ein Anwohner. Der Name des Tatverdächtigen kursiert im Ort. Doch er kenne den Mann nicht. An der Haupt- und Realschule findet kein Unterricht statt. Das sei länger geplant gewesen und habe nichts mit dem Ereignis des Vortags zu tun, heißt es von der Schule.
Einer der wenigen, die etwas sagen, ist der katholische Pfarrer Martin Fischer: „Die Volkmarser haben einen sehr guten Zusammenhalt. Ich denke, dass dieser Zusammenhalt nicht durch die Tat beschädigt wird“, erklärt er. Im katholischen Kindergarten gebe es bereits ein Hilfsangebot: „Gemeindereferenten bieten Gespräche für Eltern an.“ Und die Kinder? „Ich denke schon, dass wir das noch aufarbeiten müssen“, sagt Fischer.
Am Abend besuchten Hunderte Menschen einen ökumenischen Gottesdienst, an dem auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Innenminister Peter Beuth (beide CDU) teilnahmen. Einige Besucher hielten sich im Arm, wischten Tränen weg, Menschen beteten und sangen gemeinsam.