Florenz – „Es ist eine Prüfung“, sagt Sabina Sciubba, (45), die am Starnberger See aufgewachsen ist und in Florenz lebt. Bei ihr ist jetzt auch noch das W-Lan-Netz ausgefallen. Also hat sie nicht einmal Internet – statt Alltag ist in Italien seit mehreren Wochen täglich Ausnahmezustand. Die Sängerin hat schon vieles erlebt: Der Corona-Ausbruch in Italien ist das dritte welterschütternde Erlebnis, das sich direkt vor ihrer Haustür vollzieht. Sie lebte in New York, als dort am 11. September der Anschlag auf das World Trade Center verübt wurde. Sie wohnte in Paris und war am 13. November 2015 in der Nähe des Musikclubs Bataclan, in dem bei einer Terroranschlagserie 89 Menschen starben. Für unsere Zeitung fasst sie zusammen, wie sie die Corona-Krise erlebt und was wochenlanger Hausarrest mit den Menschen macht:
„Wenn ich gewusst hätte, dass das Coronavirus so schlimm ausbricht und so viele Menschen sterben lässt, dann hätte ich meine neue Platte wahrscheinlich nicht “Force Majeure” genannt, was übersetzt „höhere Gewalt“ bedeutet. Es sollte ja nichts mit Schlagzeilen zu tun haben. Ich spielte eher in Gedanken mit Mystik und Glauben, und wollte sagen, dass die Seele eines Menschen in der Zuversicht die größte Kraft schöpft und nicht in der Angst. Nun fordert uns Corona alle stark heraus. Und wirft uns darauf zurück, über die existenziellen Dinge nachzudenken. In meiner heutigen Wahlheimat in der Toscana fing alles etwas früher an als in Deutschland: Wir lesen hier von vielen Toten, überfüllten Krankenhäusern und wachsenden Ansteckungen, sorgen uns um die Kranken und vor allem um die älteren Menschen. Wir mussten uns alle daran gewöhnen, dass wir zuhause bleiben müssen. Nun, nach fast zwei Wochen, sind unsere persönlichen Erfahrungen damit überraschenderweise eigentlich positiv. Die Kinder gehen nicht in die Schule, wir helfen ihnen gezielt beim Lernen. Wir verbringen viel gemeinsame Zeit, spielen miteinander, Gesellschaftsspiele und sogar Geige und vierhändiges Klavier. Normalerweise bleibt für so etwas im hektischen Alltag gar keine Zeit.
Es fahren kaum Autos, die Luft duftet nach Blüten und Frühling, man sieht kaum Flugzeuge im Himmel. Wir schlafen viel. Auf unseren täglichen Spaziergängen treffen wir Leute in unserer Situation, und auch wenn alle sich über die ökonomischen Folgen dieses Stillstands Sorgen machen, sind auch diese Leute, von einem Meter Abstand aus betrachtet, eher fröhlich und ausgeruht. Wünschten wir uns diesen Stillstand vielleicht alle heimlich? Waren wir und die Welt überfordert und immer “on the run”, ohne zu wissen, wohin? Da alle Konzerte abgesagt worden sind, haben in den Städten Italiens viele Bürger spontan auf ihren Balkonen Musik gemacht. Es ist nicht schön, wochenlang in einer engen Wohnung verbringen zu müssen. Um so wichtiger sind Zusammenhalt und Zuversicht. Künstler geben Live-Konzerte von zuhause aus und übertragen sie im Internet. Auch ich, immer Sonntags um 19.30 Uhr (Instagram @sabinasciubbaofficial). Nachbarn schauen aufeinander. Supermärkte liefern Alten und Kranken gratis die Einkäufe. Eltern sind da für ihre Kinder. Paare versöhnen sich. Es ist Zeit für Solidarität. Auch zwischen den verschiedenen Ländern, finde ich!
Ich liebe Europa. Ich bin viel herumgekommen. Überall stellte ich fest, dass Menschen in Krisen ihren wahren Charakter zeigen. Das erlebte ich im Chaos am Morgen des 11. Septembers 2001 in Manhattan, wo am Abend dann die Metropole stillstand und die Straßen menschenleer waren. Nie vergessen werde ich auch die Flucht im Auto aus dem zehnten Arrondissement in Paris, wo im Bataclan Terroristen Tod und Horror verbreiteten. Nun zwingt uns die Force Majeure namens Corona dazu, das Beste aus wochenlangem Hausarrest zu machen. Ich empfinde diese Situation als eine Prüfung für uns alle, in Extremsituationen ruhig zu bleiben, und das zu tun, was der Gemeinschaft nützt: Füreinander da zu sein. Wir sollten verstehen, dass wir uns dafür auch dann mehr Zeit nehmen sollten, wenn wir irgendwann nicht mehr im Krisenmodus sind. Denn im Leben geht es schnell ums Ganze. Dass wir das einsehen, das sind wir den Opfern des Coronavirus schuldig.“ SABINA SCIUBBA