Neue Corona-Fälle: Katastrophale Fehlleistungen in Neuseeland

von Redaktion

Christchurch – Die Party dauerte acht Tage. Neue Freiheit, altes Leben. Trinken bis zum Abwinken, volle Stadien beim Rugby. Prost! Entsprechend groß war der Kater, als Neuseeland nach 24 Tagen ohne neue Covid-19-Fälle mit der Nachricht aufwachte, zwei positiv auf das Coronavirus getestete Frauen seien ohne finalen medizinischen Check nach sechs Tagen aus der 14-tägigen Zwangsquarantäne entlassen worden und quer durchs Land gereist.

Und das war nur der Anfang der Enthüllungen über die katastrophalen Fehlleistungen des vom Gesundheitsministerium eingesetzten Personals, das dafür zu sorgen hatte, dass keine einreisenden Personen – ob nun Neuseeländer, Einwanderer mit festem Wohnsitz oder Besucher mit Sondergenehmigungen – das Virus in der Inselnation im Südpazifik verbreiten können.

Es kam heraus, dass die vom Ozean umgebene Grenze „als erste Verteidigungslinie“ aufgrund der in den Ministerien weitverbreiteten Inkompetenz keine wirkliche Barriere ist. Und dass jetzt wieder einmal alle dafür zahlen, die sich an die Regeln gehalten haben. Die in den Quarantäne-Hotels eingesperrten Menschen, die mit Mahlzeiten und Snacks versorgt werden, können sich nicht einmal mehr einen Kaffee bestellen. Das stand auf einem A4-Bogen vom Gesundheitsministerium, der zusammen mit einer Gesichtsmaske vor ihren Zimmertüren lag. Die unzureichende medizinische Überwachung – zu lasche Kontrollen bei der Einreise, kein Covid-19-Test am dritten und zwölften Tag der Quarantäne – war ohnehin schon vor den nun publik gewordenen Skandalen angeprangert worden. Seit der Schließung der Grenze sind 64 000 Menschen nach Neuseeland gekommen, darunter 3200 Nicht-Neuseeländer mit Sonderstatus, inklusive der Hollywood-Crew der Avatar-Filme.

Das System habe versagt, sagte Premierministerin Jacinda Ardern mit versteinertem Gesicht, und sie sei zutiefst enttäuscht. Dass die festgeschriebenen Vorgänge nicht eingehalten worden seien, sei „total inakzeptabel“. Gesundheitsminister David Clark setzte umgehend die Ausnahmegenehmigungen für Ankömmlinge, um sterbende Verwandte zu besuchen oder zu einer Beerdigung zu gehen, aus. Ashley Bloomfield, der Direktor des Gesundheitsministeriums, der die Nation bis dahin bei den täglichen Pressekonferenzen über den Stand der Dinge informiert hatte und zum Volkshelden avanciert war, sagte zunächst gar nichts.

Er war von der Regierungschefin zum Schweigen verdonnert worden und mit Recherchen beschäftigt, wie all diese Pflichtverletzungen trotz klarer Richtlinien passieren konnten. Gestern übernahm er die Verantwortung für die „Lücke im System“ und versicherte, er werde dafür sorgen, „dass so etwas nicht mehr passiert“.

Die Party war auch für Ardern vorbei, die sich selbst und ihr „Team von fünf Millionen“ Neuseeländern nach 75 Tagen strengsten Lockdowns überschwänglich als führende Weltmacht im Kampf gegen das Coronavirus gefeiert hatte. Es war dieselbe Premierministerin, die sich jetzt nicht einmal eine Entschuldigung an ihre fünf Millionen Jünger über die Lippen quälen konnte, nachdem geringer entlohntes Regierungspersonal versagt hatte. Genauso wenig wie Clark. So, als wäre ein kleines Wort des Bedauerns ein Eingeständnis gewesen, sie hätten die Situation persönlich verschuldet. Aber Arderns erste direkte Maßnahme sprach Bände: Sie übertrug die Überwachung der Grenzen dem stellvertretenden Luftwaffenkommandanten Darryn Webb. „Wir brauchen die Strenge, das Vertrauen und die Disziplin, die das Militär zu bieten hat“, sagte sie, „und das Militär kann auch dazu eingesetzt werden, um sicherzustellen, dass die Grenze richtig gesichert wird. Wir können uns da keine Fehler leisten.“

Es war nicht der einzige Fall menschlichen Versagens. So flogen sechs Familienmitglieder aus Melbourne ein und erhielten die Erlaubnis, an der Beerdigung eines Mitglieds der berüchtigten Mongrel-Mob-Gang in Hamilton teilzunehmen. Ein 19- und ein Achtjähriger nutzten den Ausflug zur Flucht und mussten von der Polizei aufgespürt werden.

SISSI STEIN-ABEL

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