Kyparissia – Georgia Christodoulou, 44, langes, blondes Haar, starrt auf ihr Smartphone. Der Duft von Olivenblüten liegt in der Luft. Singzikaden zirpen. Eine fast melancholische Stimmung. Doch plötzlich verzieht sich Georgias Miene. Schlechte Nachrichten. Schon wieder eine Stornierung. „Drei Personen, zwei Zimmer, fünf Übernachtungen. Vom 24. bis 29. Juli. Alles Franzosen“, sagt sie.
Georgia leitet ein kleines Hotel in Griechenland. Die Corona-Krise macht ihr das gerade schwer. Sie blickt wie so viele in Griechenland mit Sorgen in die Zukunft. Es wird ein außergewöhnlicher Sommer werden – auch Georgia schwankt zwischen Hoffen und Bangen.
Das Hotel „Apollo“ hat 28 Zimmer, eine Sonnenterrasse und ein Schwimmbecken. Es liegt mitten in Olivenhainen, unweit von Kyparissia, das eher ein großes Dorf als eine Stadt an der Westküste der Halbinsel Peloponnes ist, drei Autostunden von Athen entfernt. Das Klima ist hier auch im Winter meist mild. Die Region lebt vom Obst- und Gemüseanbau. Und: vom Tourismus. Es locken breite, kilometerlange Sandstrände am Ionischen Meer, dazu Kyparissias Oberstadt mit ihrer Burg, mit urigen Tavernen und winzigen Souvenirläden. So war es jedenfalls bisher.
Georgia sei im „Apollo“, dem Hotel ihrer Eltern, praktisch aufgewachsen. 2006 kam sie aus Athen zurück, um die Renovierung persönlich zu überwachen. „Ich fühle das Hotel seit dieser Zeit. Seine Wände, seinen Boden, alles.“ Das Geschäft lief jedes Jahr besser. Das Hotel erhielt Bestnoten von seinen Gästen. Auch dieses Jahr hätten die Frühbuchungen auf einen Rekord hingedeutet, erzählt Georgia. „15 Prozent über dem Vorjahr“, sagt sie. Dabei sei auch das schon gut gelaufen. Sie wollte sogar früher aufmachen: am 20. März.
Doch daraus wurde nichts: Die Corona-Pandemie erreichte Griechenland. Es folgte auch dort ein Lockdown, Hotels mussten schließen. 10 121 Hotelbetriebe mit 798 650 Betten standen vor dem Nichts. Griechenland machte die Grenzen dicht.
Auch im „Apollo“ gab es mehrere Wellen von Stornierungen. Zuerst traf es die Buchungen für April, dann für Mai, dann für den Juni. „Ich war geschockt. Das hatte ich noch nie erlebt.“ Georgia bangte – fasste aber schon bald wieder Mut. Statt aus Sorge zu sparen, investierte sie sogar, mehr als geplant. „Rund 25 000 Euro.“
Anfang Juni ist der Lockdown in Griechenland längst aufgehoben. Die Hotels bleiben erst noch zu. Doch die Vorbereitungen für den Neustart laufen auch im „Apollo“ auf Hochtouren: Große Seifenspender stehen am Eingang. Überall. Eine Wand aus Plexiglas an der Rezeption wird installiert, zwanzig neue Holzstühle mit antibakteriellem Bezug sind eingetroffen. Georgios, ein kräftiger Grieche, entfernt gerade einen Teppichboden. Dann verlegt er Granitfliesen. Hochwertig – und einfach zu säubern. Das zählt. Denn Sauberkeit sei gerade das oberste Gebot. Sie mache mehr, als die Regierung verlange, sagt Georgia. „Ich habe zwei Dampfreiniger bestellt, das Stück für 400 Euro.“
Nicht nur im „Apollo“: Überall in Griechenland warten die Menschen sehnsüchtig auf den Start des Tourismus. Sie wollen retten, was zu retten ist. Das will auch die Athener Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis. Kein Wunder: So abhängig vom Tourismus ist kein anderes Land in Europa. Gut 34 Millionen Urlauber aus dem Ausland reisten 2019 nach Hellas. Der Tourismus trug mit Direkterlösen von gut 18 Milliarden Euro knapp ein Drittel zur jährlichen Wirtschaftsleistung bei. Heuer rechnen Experten dagegen mit einem Einbruch um bis zu 70 Prozent.
Bis zuletzt herrschte zwar noch gähnende Leere in den griechischen Flughäfen. Das soll aber bald vorbei sein, wenigstens in den Flughäfen Athen und Thessaloniki. Denn Urlauber, die von Flughäfen anreisen, die nicht auf der „Schwarzen Liste“ der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) mit Airports in besonders vom Coronavirus betroffenen Regionen stehen, können seit 15. Juni ohne Corona-Test einreisen. Damit entfällt auch die Quarantänepflicht. Behörden behalten sich aber das Recht vor, stichprobenartig Corona-Tests vorzunehmen. Die gute Nachricht: Alle Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz fehlen auf der Schwarzen Liste der EASA. Freie Bahn für den Urlaub in Griechenland also.
Die Hotels durften ebenfalls am Montag wieder öffnen. Auch Georgias „Apollo“. Die zehn Mitarbeiter wurden geschult. Alle tragen Mund- und Nasenschutz. Auch Handschuhe sind Pflicht. Das griechische Frühstück muss man ab jetzt direkt am Buffet bestellen. Kein Gast darf sich Semmeln, Butter und Marmelade selbst nehmen.
Die ersten Urlauber: 25 Surfer mit sechs Begleitern einer Athener Surfschule. Alles Griechen, junge Leute, höchstens Mitte dreißig. Georgia begrüßt alle einzeln. Ihr Mann Georgios, 40, arbeitet an der Rezeption. Ihre kleine Tochter, keine zwei Jahre alt, läuft im Foyer herum. Die Gäste checken ein. Die Stimmung ist gelöst – und Georgia schöpft wieder Hoffnung.
Doch sie ist auch realistisch. „Geld werden wir in diesem Sommer kaum verdienen“, sagt sie. „Wir haben die halbe Saison verloren. Ich öffne mein Hotel, um im Markt zu bleiben.“ Auch ihr Personal will sie nicht verlieren. „Schließlich müssen sie auch irgendwie über die Runden kommen.“ Immerhin: Georgia musste keinen Kredit aufnehmen. So könne sie die Krise meistern, hofft sie. Sie zeigt auf ihr Smartphone: eine Reservierung. Zwei Personen, ein Doppelzimmer, zehn Tage im Oktober. Gebucht hat eine Sabine, offenbar eine Deutsche. „Wir geben nicht auf“, sagt Georgia. „Wir werden das Virus besiegen – und auch diese Krise überstehen.“ Griechenland kämpft. FERRY BATZOGLOU