Gütersloh – Der Skandal um den Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies zieht immer weitere Kreise. Gestern wurde bekannt, dass im Kreis Gütersloh von sechs Covid-Patienten auf Intensivstationen fünf bei Tönnies gearbeitet haben. Über 1300 Arbeiter sind mittlerweile mit dem Virus infiziert. Jetzt wurde die Reißleine gezogen: Der Betrieb schließt für zwei Wochen, bis 2. Juli wurde für alle Mitarbeiter Quarantäne angeordnet.
Die Behörden sehen aber keinen Grund für einen Lockdown im Kreis Gütersloh, also das massive Runterfahren des öffentlichen Lebens. Es gebe zwar „ein enormes Pandemie-Risiko“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar, und es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung.
Firmenchef Clemens Tönnies gibt sich zerknirscht und kritisiert das mangelnde Vertrauen seitens der Behörden. Tönnies sagt, er dürfe gar keine Wohnadressen von Beschäftigten der Subunternehmen haben – aus Datenschutzgründen. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat derweil Supermärkte zum Boykott von Tönnies-Produkten aufgerufen: Das „Gebaren der Fleischbarone, die nur auf Profit setzen“ sei ein Skandal. Arbeitsminister Heil bekräftigt: „Wir machen mit dem Verbot von Werk verträgen im Kernbereich der Fleischindustrie auf jeden Fall ernst. Im Sommer werde ich einen Gesetzesentwurf vorlegen.“
Gestern wurde mit den Reihentests weitergemacht. Bei den bisherigen Tests halfen auch 65 Bundeswehrsoldaten. Stand gestern: Bei 1331 Beschäftigten wurde das Corona-Virus nachgewiesen. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden, 5899 Befunde lägen bereits vor. Bei 4568 Beschäftigten konnte demnach das Virus nicht nachgewiesen werden. „Bei den Testungen zeigte sich, dass die Zahl der positiven Befunde außerhalb der Zerlegung deutlich niedriger sind als in diesem Betriebsteil“, hieß es weiter.
Der Kreis Gütersloh hat Hinweise, dass einige Beschäftigte vor Verhängung der Quarantäne in ihre Heimatländer abgereist sind. „Wir haben vermehrte Mobilität wahrgenommen“, sagte eine Sprecherin. Laschet warnte die Arbeiter aus anderen Ländern gestern vor einer überstürzten Abreise in ihre Heimat. Im Fall einer Infizierung bekämen die Arbeiter die „bestmögliche medizinische Behandlung“ in Deutschland, sagte Laschet.