München/Berlin – 1870 erlebte Deutschland seine Postkarten-Premiere. Erfunden wurde das Medium zwar schon ein Jahr zuvor in Österreich-Ungarn. Hierzulande kamen aber erstmals Bilder auf den Karton. Die erste Karte in Deutschland verschickte angeblich der Oldenburger Hofbuchhändler August Schwartz am 16. Juli 1870 an einen Magdeburger Verwandten. Diese Ansichtskarte zierte das Bild eines im Feld stehenden Kanoniers. Dieser Karton mit der Soldatenzeichnung gilt landläufig als die erste Ansichtskarte; ihr 150. Geburtstag steht demnach an. Allerdings gibt es Zweifel an der Jahreszahl.
Darauf verweist Veit Didczuneit. Der Sammlungsleiter des Berliner Museums für Kommunikation sagt, in der Literatur finde sich die Frage, ob Schwartz’ Karte vielleicht erst im Nachhinein verziert worden sei. „Die Karte hat lange keiner mehr gesehen, man müsste sie mal genauer untersuchen.“
Wie dem auch sei – die Geschichte der Postkarte beginnt ohnehin schon vor August Schwartz. Denn bevor die Karte Bilder bekam, transportierte sie erst mal bloß Worte. Die allererste rein mit Text versehene Pappe – eine „Correspondenz-Karte“ – ging bereits am 1. Oktober 1869 im damaligen Österreich-Ungarn auf Reisen.
Am 18. Juni 1870 wurden dann auch in Deutschland erste Postkarten verkauft und gleich schon verschickt, obwohl die Reichspost die Textkarte erst am 1. Juli 1870 offiziell einführte. „Das war in Deutschland die erste Möglichkeit, offenen Karton per Post zu versenden“, so Didczuneit.
Unschickliche Botschaften befürchtet
Das gefielt nicht allen. Kritiker meldeten Bedenken an, von „unschicklichen Botschaften auf offenem Postblatt“ war die Rede. So könnten auch Bedienstete den Text auf der Karte lesen. Mangels Absender-Angaben habe es auch Sorge vor Diffamierungen gegeben.
Dennoch wurde die Karte rasch zum Renner, was mehr oder minder wörtlich zu verstehen ist: Denn in Hochzeiten wurden die Karten zumindest in Großstädten mehrfach am Tag ausgeliefert – in Berlin etwa bis zu elfmal –, sodass sie teils nur wenige Stunden unterwegs waren. Zudem war die Postkarte nicht nur schnell, sondern auch günstig: Erst zehn, dann nur noch fünf Pfennig kostete das Porto – bloß halb so viel als beim Brief. Und beim damals noch üblichen Telegramm wurden schon für ein einziges Wort fünf Pfennig fällig.
Eine Milliarde Karten wurden 1900 verschickt
Und so wurde die Postkarte immer beliebter. Um die Jahrhundertwende beförderte die Post wesentlich mehr Karten als heute. 1900 waren es rund eine Milliarde, 1982 noch 877 Millionen und 2018 kam man auf 155 Millionen, 147 Millionen Postkarten beförderte die Deutsche Post 2019, Tendenz fallend.
„Whatsapp, Facebook & Co. sorgen leider für einen kontinuierlichen Rückgang der Postkarten“, sagt Alexander Edenhofer, Sprecher der Deutschen Post. Die Grundidee blieb bestehen: „Die Kürze von drei Sätzen und die sprachliche Einfachheit finden sich in Mails wieder“, sagt Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba von der Humboldt-Universität Berlin.
Mittlerweile gibt es auch eine digitale Revolution. Zum Beispiel mit Mypostcard, Cewe Postcard oder Pokamax lassen sich Postkarten mit eigenen Fotos oder Designvorlagen auf dem Smartphone per App gestalten und versenden. „Individuell gestaltete Karten mit eigenen Fotos lösen immer mehr die klassische Postkarte ab“, ist Mypostcard-Gründer Oliver Kray überzeugt. Seit März mache sich bei der elektronisch ver-sendeten Postkarte übrigens Corona thematisch bemerkbar. Über 80 Prozent der ver-sendeten Postkarten seien Karten der Solidarität, der Ermutigung und des Zuspruchs gewesen. Eine Urlaubsreise braucht es zum Schreiben von Postkarten übrigens nicht: Anhänger des „Postcrossing“ schreiben sich regelmäßig von zu Hause aus, und das vom einen Ende der Erde zum anderen. Empfänger und Absender kennen sich nicht, das macht den Reiz aus.
Das Schreiben hilft vielleicht auch gegen das eigene Fernweh. Kulturwissenschaftler Kaschuba empfiehlt: „Espresso trinken, Postkarten schreiben und in den Urlaub träumen.“ JULE ZENTEK (dpa) /CHRISTOPH BESCHNITT (kna)