Problembären in Norditalien

von Redaktion

VON SUSANNE SASSE

München/Rom – Die Wanderung vom Mittwoch wird Loris Calliari nie vergessen. Er war mit seinem Sohn Alessandro (12) im Trentino in Malga Nuova in Norditalien wandern. Sie wollten in 2000 Metern Kiefernzapfen pflücken, als plötzlich ein Bär hinter dem Buben aus den Kiefernbüschen auftauchte. Vater Loris Calliari filmte und sprach dabei mit seinem Sohn, gab ihm die Anweisung, ruhig zu bleiben und sich langsam von dem Bären fortzubewegen. Der Bär folgte dem Buben einige Meter, verlor dann aber das Interesse und trollte sich.

Bewundernswert, wie selbstbeherrscht der Bub blieb. Sein Vater erklärte später in einem Interview, Alessandro sei ein Bärenliebhaber und habe schon lange darauf hingefiebert, mal einem wild lebenden Exemplar zu begegnen. Dass ihm dann aber ein großer Braunbär folgte und sich sogar zu voller Größe aufrichten würde, damit hätte der Bub sicher nicht gerechnet.

Begegnungen zwischen Mensch und Bär sind im Trentino keine Seltenheit. In der Region ist der Bestand an den Großraubtieren erheblich angewachsen. Laut Regierung der Provinz leben dort zwischen 83 und 92 Braunbären, die heuer geborenen Jungtiere nicht mitgezählt. „Solche Zahlen gefährden das Zusammenleben von Mensch und Bär“, sagte der Trentiner Landeshauptmann Maurizio Fugatti. Er hatte am Mittwoch einen Bären per Verfügung zum Abschuss freigegeben (wir berichteten), weil dieser zwei Männer angegriffen und verletzt hatte. Bei dem Angriff waren am Montag ein Vater und ein Sohn, 28 und 58 Jahre alt, am Monte Peller in den Brenda-Dolomiten von einem Braunbären angegriffen worden. Der Bär sei „wie ein Blitz“ aus einem Kieferngestrüpp in der nördlichen Brentagruppe auf 1500 Höhenmetern geschossen und habe seinen Sohn Christian angegriffen, nachdem der auf der Flucht vor dem Tier gestürzt sei, berichtete Fabio Misseroni, Metzger aus Cles, dem Tagblatt „Dolomiten“. Er erlitt einen Beinbruch, sein Sohn schwere Verletzungen an Beinen, Armen und Händen. Tierschützer vermuten, es war eine Bärin, die ihre Jungen verteidigte. Solche Vorfälle häufen sich – in den vergangenen sechs Jahren hat es laut der Zeitung „Dolomiten“ fünf Opfer von Bärenangriffen gegeben.

Wieder angesiedelt wurden Braunbären im Jahr 1999, damals hatte man im Naturpark Adamello-Brenta zehn Jungbären aus Slowenien und Kroatien ausgewildert. Aus deren Nachkommenschaft stammt übrigens auch Bruno beziehungsweise JJ1, der 2006 nach Bayern eingewandert war und dann erschossen wurde, nachdem er Schafe angegriffen und Bienenstöcke geleert hatte.

Auch in Italien sorgte vor Kurzem ein Bär für großes Medienecho: Der 170 Kilogramm schwere Bär namens M49 war im vergangenen Sommer aus einem Gehege ausgebrochen und durch das Trentino, Venetien und Südtirol gestromert. Ende April war der Bär dann in den Bergen in der Provinz Trient in eine Rohrfalle getappt. Seit dem lebt er im Tierpflegezentrum von Casteller.

Im ganzen Alpenraum kann es vorkommen, dass man Bären begegnet. Auch in Bayern wurden in letzter Zeit immer wieder Hinweise auf einen Bären bestätigt, sagt Moritz Klose, Wildbiologe beim WWF Deutschland. Bei Begegnungen mit Wildtieren, egal ob Wildschwein, Luchs oder Bär, sei Achtsamkeit das oberste Gebot, warnt Klose. Gerade bei Jungtieren gilt Vorsicht, da die Mutter immer in der Nähe sein kann und ihren Nachwuchs beschützt. Anfassen, füttern oder Selfies sind höchst gefährlich. Grundsätzlich gehe von Bären keine Gefahr aus, wenn man ausreichend Abstand hält und sich an bestimmte Verhaltensregeln hält, sagt der Tierschützer.

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