Hiroshima – „Ich sah nur einen sehr gelben Lichtblitz“, erinnert sich Masako Kawamoto, die im Moment der Katastrophe vor dem Haus damit beschäftigt war, Bretter zu ordnen. „Ich hörte nicht irgendeinen Lärm“, so die damals 23-jährige Hausfrau weiter; „bald wurde es stockdunkel. Ich wunderte mich, warum es so finster war und Häuser in sich zusammenfielen.“ Kawamoto hatte Glück im Unglück. Sie überlebte. Was geschehen war, wussten zu dem Zeitpunkt nur die US-Amerikaner.
Präsident Harry S. Truman hatte für den Morgen des 6. August 1945 den Abwurf einer Atombombe auf Hiroshima angeordnet. Drei Tage später ging eine zweite auf Nagasaki nieder. Japan war in die Knie gezwungen. Die Kapitulation des „Landes der aufgehenden Sonne“ bedeutete das definitive Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ein „Ground Zero“ findet sich in Hiroshima nicht; lediglich ein steinerner Gedächtnisblock, der in der Nähe des Flusses Motoyasu-gawa das „Hypozentrum“ markiert. Das ist die nächste Stelle, über der die Bombe in der Luft in 600 Metern Höhe detonierte. Am Boden schnellte die Temperatur auf bis zu 4000 Grad Celsius. Zehntausende Zivilisten starben auf der Stelle. 92 Prozent der 76 000 Stadtgebäude wurden zerstört oder schwer in Mitleidenschaft gezogen, bis Ende des Jahres 140 000 Tote registriert.
So steht es geschrieben im Friedensgedächtnismuseum, das die historischen Gräuel bis ins Detail dokumentiert, ohne in Effekthascherei zu verfallen. Trotzdem geht vieles an die Schmerzgrenze, obgleich es nur Abbilder der Wirklichkeit sind: Fotos von Schwerstverbrannten, Exponate wie Kleiderfetzen, ein geschmolzenes Dreirad, herausoperierte Glassplitter.
Ein Museumsbesuch erfordert eine starke Psyche. In einigen Sälen herrscht trotz der Besuchermengen eine geradezu unheimliche Stille. Gästebücher liegen aus, um sich die Anteilnahme von der Seele zu schreiben. In einer Abteilung mit abgetrennten Videokabinen lassen sich per Knopfdruck Testimonials aufrufen, kommen Zeitzeugen wie Masako Kawamoto zu Wort, die knapp zwei Kilometer vom Hypozentrum entfernt lebte.
Auch Kanji Yamasaki, damals 17 Jahre alt und bereits Hilfslehrer, erzählt vor der Kamera seine Geschichte, um Fassung ringend. Auch er sah den Blitz, wurde in seinem Schulgebäude von einem hinabgestürzten Pfeiler eingeklemmt und verlor das Bewusstsein. Als er aufwachte, lag er auf dem Boden, weit von der Schule entfernt. Irgendwer musste ihn gerettet haben.
Schwer verletzt irrte er umher, nahm nackte Leichen wahr, „die nicht menschlich aussahen“; hörte Stimmen, die nach Wasser riefen. Schmerz, Schock und Verwirrung machten es ihm unmöglich, selbst zu helfen. Yamasaki verlor an jenem Tag 19 Familienmitglieder, darunter seine Mutter und einen Großvater. Umso glücklicher war er, seinen geliebten Vetter Kentaro wiederzutreffen, von dem er sich am Morgen auf dem Weg zur Schule getrennt hatte.
Doch der Cousin bekam bald darauf hohes Fieber, Zahnfleischbluten, rote Punkte auf der Haut. Kentaro starb drei Wochen später an den Folgen der Verstrahlung. Heute besteht dem Vernehmen nach keine Gefahr mehr in der Stadt.
In Hiroshima ist die Erinnerung vielfach lebendig, ob im Friedenspark um das Museum oder in der 1954 geweihten Weltfriedenskathedrale. Ein besonderes Mahnmal am Fluss Motoyasu-gawa ist die Ruine einer überkuppelten Ausstellungshalle der Industrie- und Handelskammer, besser bekannt als „Atombomben-Dom“. Sie wurde zum Weltkulturerbe erklärt.
Bereits 1947 gab es eine erste Friedenserklärung, in der es hieß: „Nie wieder sollen Menschen ein solches Leid erfahren, wie wir es erleben mussten. Das ist der große Wunsch der Überlebenden von Hiroshima.“ Papst Johannes Paul II. unterstrich 1981 bei seinem Besuch: „An Hiroshima zu erinnern, ist, Nuklearkrieg zu verabscheuen. An Hiroshima zu erinnern, ist, sich selbst zum Frieden zu verpflichten.“ Und auch Zeitzeugin Masako Kawamoto betont: „Wir werden nie vergessen, was an diesem Tag geschah. Hiroshima wird weiter seine Geschichte erzählen – bis zum Beginn einer friedlichen, nuklearfreien Welt.“ ANDREAS DROUVE