„Wir waren schon vorher am Abgrund“

von Redaktion

Weltweite Welle der Hilfsbereitschaft – Schon 130 Tote und rund 5000 Verletzte

Beirut – Die Explosion im Hafen von Beirut hat den Libanon ins Mark getroffen. In Beirut ist das an jeder Ecke spürbar. Vielleicht waren die vergangenen zwei Tage die schlimmsten, die Dr. Assim al-Hadsch in seinem Leben durchmachen musste. Seit der fürchterlichen Explosion hat er nur zwei Stunden geschlafen. Stattdessen: Operationen am Fließband im Clemenceau Medical Center unweit der Detonation. Fast 400 Verletzte wurden eingeliefert, 80 befinden sich noch in kritischem Zustand: „Ich kann Ihnen sagen: Die Situation ist katastrophal“, sagt der Mediziner mit brüchiger Stimme.

Die gewaltige Explosion hat große Teile der sonst lebendigen Stadt am Mittelmeer in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Der Hafen liegt in Schutt und Asche. Die Wucht der Detonation hat auch die umliegenden Wohngebiete erfasst: Fensterscheiben sind zersplittert, Schilder und Fensterläden abgerissen, Fassaden zerstört, Autos umgekippt, Menschen weggefegt. Noch immer sind die Straßen mit Glassplittern übersät. Auch die Suche nach Opfern geht weiter. Mehr als 130 Tote und rund 5000 Verletzte wurden bislang gezählt. Auch die Suche nach der Unglücksursache geht weiter. Eine Untersuchungskommission der Regierung soll innerhalb von fünf Tagen einen ersten Bericht vorlegen.

Auch die Hilfe Deutschlands sowie anderer Länder und internationaler Organisationen lief weiter an. Die ersten Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) aus Deutschland sind bereits in Beirut eingetroffen. Das 50 Personen und einige Hunde umfassende Team wird zunächst bei der Suche nach Verschütteten helfen. Vor Ort habe man mit einer Lagesondierung für die Bergung und Rettung begonnen, teilte das THW am Donnerstagmittag über Twitter mit. Nach Beirut geflogen ist auch ein THW-Team, das die Botschaft unter anderem bei der Versorgung Deutscher unterstützen wird.

Die Weltgesundheitsorganisation brachte 20 Tonnen Hilfsgüter ins Land, um hunderte Menschen mit Brand- und anderen Verletzungen zu versorgen. Die EU sagte Nothilfe in Höhe von mehr als 33 Millionen Euro zu, um etwa medizinische Ausrüstung zu finanzieren. Auch Israel, mit dem der Libanon keine diplomatischen Beziehungen pflegt, will bei der Versorgung von Opfern helfen.

Die Bundeswehr begann einen größer angelegten Hilfseinsatz. Die Luftwaffe sollte ein medizinisches Erkundungsteam der Streitkräfte nach Beirut fliegen, auch die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ nahm von Zypern aus Kurs auf die Küstenstadt. Nach dpa-Informationen wurde auch der Luftwaffen-Airbus A310 „MedEvac“ für den Transport Schwerverletzter bereitgestellt.

Coronavirus-Tests und -behandlungen sind in mehreren großen Krankenhäusern der libanesischen Hauptstadt Beirut nach der verheerenden Explosion im Hafen eingestellt worden. Trotz Stopps vieler Tests gab das Gesundheitsministerium am Mittwoch bekannt, dass in den vergangenen 48 Stunden 355 neue Fälle registriert worden seien.

Seit Monaten leidet das Land am Mittelmeer ohnehin unter einer schweren Wirtschaftskrise, die durch die Corona-Pandemie weiter verschärft wurde und große Teile der Bevölkerung in Armut getrieben hat. Die Preise, etwa für Lebensmittel, sind explodiert. Im Juni lag die Inflation bei 90 Prozent. In den sozialen Medien boten viele in den vergangenen Wochen ihr Hab und Gut an, um noch irgendwie über die Runden zu kommen. Und jetzt diese Explosion, diese Zerstörung. Und kein Geld für einen Wiederaufbau. „Wir sind einfach nur erschöpft“, sagt eine Frau aus Beirut. „Wir waren schon vorher am Abgrund.“

Aber inmitten der Verzweiflung gibt es auch Zeichen der Hoffnung und der Solidarität: Überall melden sich Freiwillige zum Aufräumen und fegen die Straßen. Und eine ältere Dame aus Beirut spielte inmitten von Chaos und Verwüstung in ihrer Wohnung „Auld Lang Syne“ am Flügel – im Gedenken an die Todesopfer. Das Video wird weltweit tausendfach geteilt.  afp, dpa

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