Kaltblütiger Vernichtungsfeldzug

von Redaktion

Urteil gegen den geständigen Moscheen-Attentäter von Christchurch noch in dieser Woche

Von SISSI STEIN-ABEL

Christchurch – Es war nur ein bisschen mehr als die nüchterne chronologische Wiedergabe, aber kaltgelassen haben die Schilderungen niemanden: Sehr detailliert trug Staatsanwalt Barnaby Hawes am ersten Tag der Verurteilungsprozedur im Fall des Moscheen-Attentäters von Christchurch die 36 Minuten zwischen der Ankunft des Massenmörders Brenton Tarrant an der Al-Nur-Moschee am 15. März 2019 und dem Augenblick vor, als ein Polizeifahrzeug seinen goldfarbenen Subaru rammte und der 29-jährige Australier sich widerstandslos festnehmen ließ. Auf den Zuhörerbänken des Hohen Gerichtshofs sind Tränen geflossen, als die Geschehnisse noch einmal aufgerollt wurden. Das Urteil fällt vermutlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag.

„Es ist eine Pein, aber notwendig“, sagte Richter Cameron Mander entschuldigend mit Blick auf die von Qualen gezeichneten Überlebenden und Angehörigen der Todesopfer der Gräueltaten, die Tarrant minutiös geplant hatte. Dank dessen Aufzeichnungen mit einer Go-Pro-Helmkamera ist jedes Detail bekannt; wohl auch deshalb bekannte sich der Terrorist vor fünf Monaten im Sinne der Anklage für schuldig und ersparte den Opfern und Angehörigen die audio-visuelle Wiedergabe des Massakers im Rahmen einer Hauptverhandlung.

Besonders unfassbar war die Kaltblütigkeit, mit der Tarrant seinen Vernichtungsfeldzug unbarmherzig durchzog und sich am Ende ärgerte, dass er gestellt wurde, bevor er einen dritten Anschlag auf die knapp 100 Kilometer entfernte Moschee in Ashburton verüben konnte. Ebenso bedauerte er bei seiner Vernehmung, dass er die Brandsätze nicht aus dem Kofferraum seines Autos geholt und die Al-Nur-Moschee am Hagley Park und das Islam-Zentrum im Stadtteil Linwood nicht angezündet hatte. Ohne jede Gefühlsregung – abgesehen vom Hass auf Muslime, der ihn antrieb – schoss er sogar auf der Fahrt von einer Moschee zur anderen auf Menschen, die nicht-europäisch aussahen. „Ich war überrascht, wie ruhig der Todesschütze war“, sagte der aus Indien stammende Mazharuddin Syed Ahmed, der unverletzt davongekommen war. „Ich stand auf der Kanzel und habe den Hass eines fehlgeleiteten Terroristen nach einer Gehirnwäsche gesehen“, sagte Gamal Fouda, der Imam der Al-Nur-Moschee.

Tarrant hatte neben den ungenutzten Brandsätzen sechs modifizierte Sturmgewehre, die eine extrem schnelle Schussfrequenz ermöglichten, und 7000 Schuss Munition dabei, als er zur Tat schritt. Schon bevor er in den Hauptgebetsraum der Al-Nur-Moschee marschierte, in dem sich rund 120 Personen befanden, erschoss er vier Männer im Foyer. Auf Menschenansammlungen feuerte er wahllos, um so viele Muslime wie möglich zu töten. Nichts beschreibt sein barbarisches Handeln besser als die beiden gezielten Schüsse auf einen dreijährigen Jungen namens Mucaad Ibrahim, der sich an das Bein seines Vaters klammerte.

Als Tarrant zu seinem Auto zurückrannte, um ein anderes Gewehr zu holen, schoss er auf den Gehwegen auf muslimische Passanten. Mit neuer Munition machte er Jagd auf Menschen, die sich zwischen geparkten Autos versteckten, dann marschierte er über Leichen zurück in den Gebetsraum, schoss noch einmal auf die Köpfe und Körper von mehreren Dutzend Personen, die – die meisten schon tot – übereinander lagen, und auf jeden, der sich noch bewegte. Auch auf seinem Rückzug ballerte er auf muslimische Mitbürger, die um ihr Leben rannten und kletterten. Die Bilanz in und an der Al-Nur-Moschee: 44 Tote und 35 Verletzte.

Zurück in seinem Subaru, fuhr er über eine Leiche und machte sich auf den Weg zum 6,5 Kilometer entfernten Islam-Zentrum in Linwood. Selbst während dieser rasenden Fahrt ließ er seinem Fremdenhass freien Lauf. Beim Anblick von drei dunkelhäutigen Afrikanern legte er eine Vollbremsung hin und schoss durch die Windschutzscheibe auf die Männer, ohne sie zu treffen. Wenig später starb ein muslimischer Bürger, als Tarrant durch das geschlossene Beifahrerfenster auf ihn schoss. Glück hatten weitere Männer, als der Attentäter den Abzug durchdrückte, sich aber kein Schuss löste. Drei Männer brachte er auf dem Zufahrtsweg zur Moschee in Linwood um, einen Mann erschoss er durch ein Fenster. Die Bilanz dort: sieben Tote, fünf Verletzte.

Der Australier hatte die Tat von langer Hand geplant. Im Internet fand er Fotos, Baupläne, Informationen über die Gebetsstunden in den Moscheen. Zwei Monate vor den Anschlägen filmte er die Al-Nur-Moschee mit einer Drohne. Als der Countdown lief, ging alles ganz schnell: Tarrant schickte sein Manifest an eine extremistische Website, drei Minuten später teilte er seiner Familie mit, was er vorhatte, dann startete er seine Helmkamera und die Übertragung auf Facebook und schickte E-Mails an das Servicebüro des neuseeländischen Parlaments sowie an in- und ausländische Medienagenturen.

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