Auf der Reichstagskuppel im kleinen Kreis

von Redaktion

Weniger Gäste genießen mehr Ruhe in Deutschlands beliebtesten Sehenswürdigkeiten

Berlin – Ob im Museum oder vor dem Schloss: Wo sich normalerweise Menschentrauben bilden, um den besten Blick zu erhaschen, sind in diesem Sommer oft nur vereinzelt Menschen mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs. Ist im Corona-Jahr endlich die Zeit für Fotos ohne störende Passanten gekommen? Oder machen die Zugangsbeschränkungen einem da einen Strich durch die Rechnung?

Das Heidelberger Schloss gehört zu den Hauptattraktionen Deutschlands. Doch wegen der Corona-Pandemie ist es auf der romantischen Ruine hoch über dem Neckar ruhiger als sonst. Statt 4000 Besuchern am Tag sind es nur die Hälfte, die den Kaisersaal, das Große Fass oder den Schlossgarten besichtigen. „Man kann das Schloss ein Stückchen individueller erleben“, sagt der Leiter der Schlossverwaltung Michael Bös.

Gute Chancen haben Kurzentschlossene derzeit oft auch bei der Plaza der Elbphilharmonie. Besucher berichten, dass die Gratis-Karten für die Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe an der Kasse teilweise ohne Schlange zu bekommen seien. Selbst auf der berühmten Röhren-Rolltreppe sei es zu manchen Zeiten leer. Seit der Wiedereröffnung der Plattform Ende Mai sind bis Mitte August einem Sprecher zufolge nur etwa ein Drittel so viele Gäste gekommen wie im gleichen Vorjahreszeitraum.

Schwieriger als vor der Corona-Pandemie ist hingegen ein Besuch im Kölner Dom – einmal drinnen, ist das Erlebnis allerdings umso überwältigender. Denn gleichzeitig dürfen nur noch 300 Besucher in die Kathedrale. In der Stille ist der scheppernde Schlag einer alten Domuhr geradezu ohrenbetäubend. Vor Corona hörte man die Uhr gar nicht, das Schlagen wurde von den Geräuschen tausender Besucher übertönt.

Eingeschränkt ist es zurzeit nur möglich, von der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes das Brandenburger Tor oder das Regierungsviertel zu sehen und durch das gläserne Dach der Kuppel in den Plenarsaal zu schauen. Die von Norman Foster entworfene Reichstagskuppel ist bis Ende September für Besuchergruppen von Politikern nicht zugänglich. Besuche von Einzelnen sind aber mit Anmeldung möglich. Abends ist die Kuppel zudem für eine begrenzte Anzahl von Gästen geöffnet. Auf der Insel Mainau im Bodensee fehlen dieses Jahr laut einer Sprecherin die Besucher aus dem Ausland ebenso wie die meisten Busreisenden. „In den letzten Jahren wurde die Insel bei schönem Wetter von 7000 bis 8000 Gästen pro Tag besucht“, sagt eine Sprecherin. Insgesamt seien das rund 1,2 Millionen Besucher pro Jahr. „In diesem Jahr werden die Zahlen nicht erreicht.“ Für Gäste bedeutet das: weniger Trubel, mehr Ruhe. So könne man sich das Arboretum, eine historische Baumsammlung, ganz entspannt anschauen.

Nach achtwöchiger Schließung ist die Dresdner Frauenkirche seit Mitte Mai ebenfalls wieder geöffnet. Auf der Kuppel dürfen nur 50 Menschen gleichzeitig sein, in der Kirche nur 40 Besucher, und bei Konzerten dürfen nur etwa 350 der mehr als 1660 Plätze belegt werden. Im ersten Halbjahr kam nur etwa ein Drittel der Besucher des Vorjahres in das weltberühmte, nach 1990 originalgetreu wiederaufgebaute Gotteshaus.

König Ludwig II. war menschenscheu und suchte in Schloss Neuschwanstein die Einsamkeit. Kurz nach seinem Tod 1886 kehrte Leben in sein Refugium ein: Es wurde für Besucher geöffnet. In den vergangenen Jahren spazierten pro Tag während der Hochsaison 6000 Menschen durch das Schloss des „Märchenkönigs“, das bekanntlich vor allem für Touristen aus dem Ausland ein Anziehungspunkt ist. In Zeiten von Corona sind es noch 1080 pro Tag, wie die Bayerische Schlösserverwaltung mitteilte. Für Schlossführer Patrick Korb ist die Corona-Saison daher eine interessante Erfahrung. Es sei für ihn unvorstellbar gewesen, irgendwann einmal Gruppen mit nur zehn Teilnehmern durch die Räume zu führen.

Artikel 7 von 9