Rom – Italien war zu Beginn der Corona-Pandemie eine Art Epizentrum der Seuche. Vor allem Norditalien hatte es schlimm erwischt. Die Regierung verfügte am 10. März einen kompletten Lockdown, der zwar aus epidemiologischen Gründen angezeigt war, vor allem aber für das Wirtschaftsleben einen dramatischen Einbruch bedeutete. Italien büßte zwischenzeitlich 13 Prozent seiner Wirtschaftsleistung ein, das gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Ein Drittel der Unternehmer im Tourismus-Sektor steht vor dem Ruin.
Dann kam der Sommer, und die Italiener, Einwohner eines der weltweit beliebtesten Urlaubsländer, blieben erstmals seit Jahrzehnten wieder fast ganz unter sich. Einer Untersuchung zufolge machten 93 Prozent der Landsleute in diesem Jahr Urlaub in Italien. Der Sommer wirkte wie eine Reise in die Vergangenheit, als Auslandsreisen noch den Anschein von Extravaganz hatten.
Was ist passiert in diesem absonderlichen italienischen Corona-Sommer? „Mare o montagna“ – „Meer oder Berge?“ – so lautete die Frage, die sich die meisten italienischen Familien spätestens zu Beginn der Sommerpause im Juli stellten. Eine Reise ins Ausland war für die meisten nicht denkbar, aus finanziellen, aber auch aus organisatorischen Gründen. Immerhin konnten sich knapp zwei Ddrittel der Italiener trotz Einbußen einen Urlaub genehmigen. Wer „montagna“ wählte, der fuhr zum Beispiel in die Abruzzen, mit dem Auto etwa zwei Stunden von der Hauptstadt entfernt, aber dafür um die zehn Grad kühler.
Die Abruzzen sind eine der vom Massentourismus noch weitgehend unentdeckten Ecken in Italien, dafür aber nicht weniger attraktiv. Berüchtigt ist die Region für ihre Erdbeben wie in L’Aquila 2009, vielleicht kennt man noch das Gran-Sasso-Massiv, das fast so hoch ist wie die Zugspitze. Weniger bekannt sind Bergdörfer wie Scanno in der Provinz L’Aquila. Der Fotograf Henri Cartier-Bresson schoss hier 1951 atemberaubend schöne Schwarz-Weiß-Fotografien und machte den Ort bekannt.
„So voll wie in diesem Sommer war es seit den 1980er- Jahren nicht“, erzählt Gianni Piscitelli, ein sehr freundlicher Bewohner des Dorfes, ehemaliger Busfahrer und inzwischen Pensionär. Piscitelli stammt aus Scanno, er kennt hier jede der knapp 2000 stolzen Dorfseelen. Denn wegen seiner Schönheit und Unberührtheit pflegen die Einwohner Scannos ihr kleines, entlegenes Juwel, das man erst nach einer langen Fahrt durch eine spektakuläre Schlucht mit enger Bergstraße erreicht. Die meisten sind überzeugt, Scanno sei der schönste Ort der Welt. Ganz unrecht geben kann man ihnen nicht.
Jeden August wird es in Scanno voll, aber nicht so voll wie im Corona-Sommer 2020. Auf der Piazza Santa Maria della Valle im Ortszentrum traten sich die Besucher auf die Füße. Die sonst mit ihrem Lamento nicht gerade zurückhaltenden Einzelhändler und Hotel- oder Restaurantbesitzer machten ihr Jahrhundertgeschäft. Abends hatte man das Gefühl, halb Italien flaniere auf der „Ciambella“, dem verkehrsberuhigten Rundweg durch den Ort. Gerade einmal drei Ansteckungen mit Covid-19 meldeten die Behörden, davon zwei erst Mitte September. An Mariä Himmelfahrt, dem traditionellen italienischen Ferragosto-Fest, stauten sich 25 000 Fahrzeuge an der Autobahnausfahrt, um nach Scanno hinaufzufahren.
Und dann gab es noch den Ansturm auf die Strände, mehr als die Hälfte der italienischen Urlauber entschied sich für „mare“. „Mamma mia“, sagt Gabriele Pagliarani am Telefon. Bei einem Besuch im Juni wirkte der Betreiber des Strandbads Nummer 26 in Rimini noch wie ein Fisch ohne Wasser. Leere Sonnenstühle, wohin das Auge reichte. Die Touristen blieben aus, auch das Wetter war durchwachsen. Aber seither kann sich Pagliarani, der wegen zahlreicher Fernsehauftritte und einem sonnigen Gemüt den inoffiziellen Titel „Bademeister Italiens“ trägt, nicht mehr beklagen. „Gestern waren wir fast voll“, erzählt er Mitte September. Von den 200 Sonnenschirmen, die er dieses Jahr wegen der Auflagen aufstellen durfte, waren 170 besetzt. Normalerweise packt er Mitte September bereits die ersten Sonnenstühle ein, aber nicht so dieses Jahr: „Die Leuten haben Lust aufs Meer, immer noch.“
Die Leute, das sind fast ausschließlich Italiener. Österreicher und Schweizer waren zwischendurch auch in Rimini, auch ein paar Deutsche ließen sich blicken. Aber dass Pagliarani diese Saison nicht vergessen wird, hat mit seinen Landsleuten zu tun. „Im August war es so voll wie zuletzt in den 70er- und 80er- Jahren in Rimini“, sagt er. Statt auf die Malediven ging es nach Rimini. Er habe Kunden wiedergesehen, die sich zuletzt vor 15 Jahren hätten blicken lassen. Die Monate von März bis Mai im Lockdown hat Pagliarani abgehakt. „Alles in allem haben wir 30 Prozent Umsatz weniger gemacht als in den Vorjahren“, sagt er. Angesichts der Pandemie wertet er das als Erfolg.
Doch so gut wie in Rimini oder Scanno lief es nicht für alle im italienischen Corona-Sommer. Annie Ojile bietet seit 2007 in Rom geführte Touren auf der Vespa an. Im Juni 2019 hatte Ojile 450 Klienten, im Juni 2020 gerade einmal zwei. Die Touristen aus Amerika lassen immer noch auf sich warten, derzeit hat „Scooteroma“ drei bis vier Kunden pro Woche, früher waren es acht am Tag. „Ich mache mir große Sorgen, aber ich gebe nicht auf“, sagt Ojile. Ihre Prognose: Richtig Arbeit bekommt sie erst wieder im Herbst 2021. Bis dahin ist es noch eine lange Zeit.