„Leben ist komplett versaut“

von Redaktion

Zwölf Jahre Haft und Sicherungsverwahrung für Angeklagten im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach

Köln – Das Kölner Landgericht hat den zentralen Beschuldigten im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht ordnete für den Angeklagten Jörg L., der seine 2017 geborene Tochter missbraucht und die Taten gefilmt hatte, zudem die anschließende Sicherungsverwahrung an. Teile des Prozesses waren unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden, darunter auch die Aussage des 43-Jährigen. Den Antrag dazu hatte die Nebenklage-Anwältin gestellt, welche die Tochter vertritt. Sie wollte das Mädchen schützen. Allein die mehr als einstündige Verlesung der Anklage mit insgesamt 79 Taten war für nicht wenige Beobachter im Saal nur schwer zu ertragen gewesen.

Der Deutsche aus Bergisch Gladbach gilt als wichtige Figur im sogenannten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach. Ermittler waren bei Dursuchungen bei ihm nicht nur auf riesige Mengen kinderpornografischen Materials gestoßen, sondern auch auf viele Kontakte zu anderen Männern, die in einer Parallelwelt im Netz Videos und Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs austauschten. Nach und nach kamen sie so immer mehr Verdächtigen auf die Spur.

Im Prozess bestritt der 43-Jährige einem Antrag seines Verteidigers zufolge allerdings, schon im Sommer 2017 mit dem Missbrauch seiner erst im April desselben Jahres geborenen Tochter begonnen zu haben. Erste Missbrauchshandlungen habe es von Sommer 2018 an gegeben. Er und sein Anwalt kündigten an, dass der Angeklagte dem Mädchen 50 000 Euro auf ein Konto einzahlen wolle. Nach Angaben des Verteidigers soll das Geld als „Schadenswiedergutmachung“ dienen.

Auf die Frage des psychiatrischen Sachverständigen, von welchem angerichteten Schaden der Angeklagte ausgehe, hatte der 43-Jährige geantwortet: „Also, dass das Leben meiner Frau und Tochter komplett versaut ist.“

Der Fall Bergisch Gladbach eröffnete Einblicke in neue Dimension des Kindesmissbrauchs in Deutschland: Elf Monate nach Ermittlungsbeginn im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach konnte die Polizei erst einen Teil des Schleiers lüften, in dessen Schutz ein Pädokriminellennetzwerk Kindern schreckliche Gewalt antat. Um die Taten bundesweit aufzuklären und Opfer zu schützen, ermittelt seither ein Großaufgebot der Polizei mit Hochdruck gegen die über das Netz verbundenen mutmaßlichen Täter. Bei ihrer psychisch stark belastenden Ermittlungsarbeit kam die federführende Polizei Köln bislang allein in Nordrhein-Westfalen 83 Beschuldigten auf die Spur, Hinweise auf weitere gut 70 entsprechende Straftaten lieferten die Kölner den Behörden in den übrigen 15 Bundesländern zu.

Doch dies ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs: Ende Juni gab das nordrhein-westfälische Justizministerium bekannt, dass die Beamten im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach mehr als 30 000 Internetspuren nachgehen. Dies muss zwar nicht bedeuten, dass es 30 000 potenzielle Täter gibt, denn auch ein einzelner Krimineller kann im Netz eine ganz Reihe von Spuren hinterlassen. Dennoch nahm der Ermittlungskomplex damit zuvor ungeahnte Dimensionen an.  afp, dpa

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