Stockholm – Ganz Europa ächzt unter der zweiten Corona-Welle. Ganz Europa? Nein: In Schweden steigen die Infektionszahlen zwar auch, aber weitaus moderater als anderswo. Staatsepidemiologe Anders Tegnell sagt auf die Frage, ob es in Schweden mit seinem lockeren Sonderweg eine zweite Corona-Welle gibt: „Nein“.
Hinter dem Sonderweg stecken „weiche Empfehlungen“ des Gesundheitsamts, daheim zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten. Züge, Geschäfte, Bars und Stadtzentren waren zeitweise gespenstisch leer. Die Schulen bis zur 9. Klasse blieben offen, ab der 10. Klasse und in Universitäten wurde frühzeitig auf digitalen Fernunterricht umgeschwenkt. Arbeitskräfte, die sich krankmelden, erhalten zudem 80 Prozent des Gehaltes. Im Grunde ein freiwilliger Lockdown. Anders Tegnell sagt gegenüber unserer Zeitung zu dieser in Rest-Europa kritisierten Strategie: „Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen. Unser Gesundheitssystem war nie überlastet.“
Dennoch steigen derzeit auch in Schweden die Zahlen. „Wir sind von etwa 40 000 Tests im April auf derzeit 140 000 hochgefahren. Das ist natürlich eine Ursache“, so Tegnell. Aber: „Die relativ langsame Entwicklung deutet vielleicht darauf hin, dass wir eine höhere Immunität in Stockholm haben“, so Tegnell. „Wir glauben zwischen 20 und 40 Prozent.“
Ist also alles rosig in Schweden? Derzeit sterben dort bei mit einer Gesamtbevölkerung von 10,2 Millionen Einwohnern pro Tag zwischen drei und sieben Menschen an Corona. Doch die Tendenz der Neuinfektionen (über 900 am Tag) beunruhigt die Bevölkerung. Derzeit sind jüngere Schweden die Pandemietreiber. Sie stecken sich bei sozialen Aktivitäten an, aber weisen zumeist milde Symptome auf. Dennoch ist Tegnell gewarnt, er rief nun die jüngeren Schweden im TV auf: „Geht nicht feiern!“
Bislang ist dies eine Empfehlung – doch auch Tegnell schließt nicht aus, dass bei entsprechender Entwicklung neue Maßnahmen ergriffen werden könnten. Der jüngste Plan, die 50-Personen-Grenze bei öffentlichen Veranstaltungen auf 500 zu erhöhen, wurde auf Eis gelegt. Und die Regierung will neue Gesetze ratifizieren, die ihr im Notfall mehr Handlungsmöglichkeiten geben würden.
André Anwar