Berlin – Nach den Massenschlägereien vom vergangenen Wochenende wächst in Berlin die Angst vor einem Bandenkrieg zwischen tschetschenischen Gruppierungen und arabischen Clans. Wie gestern berichtet, wurden bei zwei Überfällen am Samstagabend in den Stadtteilen Neukölln und Gesundbrunnen und einem dritten Gewaltausbruch am Sonntagabend – erneut in Gesundbrunnen – elf Männer verletzt. Sechs Russen wurden am Samstagabend festgenommen und wieder entlassen. Unter den weiteren Beteiligten waren auch „Mitglieder einer bekannten Großfamilie“, teilte die Polizei nach den Massenschlägereien mit.
„Wir haben schon länger mit derartigen Auseinandersetzungen zwischen arabischstämmigen Gruppierungen und Tschetschenen gerechnet, da Letztere sich nicht mehr als Söldner für die Clans anstellen lassen wollen, sondern selbst ein großes Stück vom Kuchen haben möchten“, sagte Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) der „Berliner Zeitung. „Wir haben es hier mit Personen zu tun, für die Gewalt und Kampferprobung zur Erziehung gehören und die bereits teilweise selbst im Krieg waren.“
Laut „Berliner Zeitung“ sollte noch am Dienstagabend ein sogenannter Friedensrichter zwischen den Parteien vermitteln. Da die Clans versuchen, den deutschen Rechtsstaat zu umgehen, haben sie eine Art Paralleljustiz etabliert, die sich aus den Clanchefs, Vermittlern und eben diesen Friedensrichtern zusammensetzt.
Tschetschenische Banden spielen neben kriminellen Mitgliedern arabischstämmiger Großfamilien seit Jahren eine Rolle im kriminellen Milieu der Hauptstadt. In dem Bereich gebe es sichtbare Gewalt, hieß es vor einem Jahr im Zusammenhang mit dem Lagebild des LKA zur organisierten Kriminalität (OK). „Die russisch-eurasische OK, das ist eine harte Nuss“, sagte damals der zuständige Abteilungsleiter Sebastian Laudan. „Vor dem Hintergrund ihres auf extremer Gewaltanwendung und Abschreckung basierenden Vorgehens und dem starken Streben, ihren Einfluss in alle Richtungen auszubauen, haben tschetschenische OK-Gruppierungen in den letzten Jahren ihren Einfluss hier merklich ausgeweitet und dadurch zunehmend an Relevanz gewonnen“, hieß es in dem Lagebild weiter. Die Tschetschenen, kampferprobt aus mehreren Kriegen gegen Russland, schrecken anscheinend vor nichts zurück. Nach mehreren Schießereien auf offener Straße in Berlin attestierte das LKA den Banden-Mitgliedern „neben der uneingeschränkten Gewalt bis hin zur Tötungsbereitschaft auch die absolute Gleichgültigkeit gegenüber unbeteiligten Personen“.
Einblick in die Welt der arabischstämmigen Clans bietet Aussteiger Khalil O. in seinem Buch „Auf der Straße gilt unser Gesetz“. O. wurde Ende der 1990er-Jahre in Berlin vom gewalttätigen Schüler zum Berufsverbrecher und Drogenhändler und verließ die Szene vor 15 Jahren. Heute ist er Sozialarbeiter. „Ich würde sagen, in 80 Prozent der arabischen Großfamilien gibt es Leute, die ihre Finger in irgendetwas drin haben, seien es Drogen, Einbrüche, Schutzgeld oder Prostitution. Auf 100 Leute kommen vielleicht 10, die kriminell sind, und 10, die im Gefängnis sitzen.“
Sein heutiges Fazit: Nur ein harter Staat kann diese Kriminalität wirksam bekämpfen. „Wenn man den Clans das Geld wegnimmt, sind sie niemand mehr, und das tut richtig weh.“ Die Beschlagnahmung von Vermögen sei das meistdiskutierte Thema in der Szene. „Alle warten darauf, wie es weitergeht. Was macht der deutsche Staat? Wie werden die Gerichte urteilen?“ Zur Lösung gehöre auch eine klare Ansage. Manche Politiker würden sagen, dass das Wort „Clan-Kriminalität“ rassistisch sei. „Die verniedlichen das Problem und sagen, die Clans sind gar nicht so schlimm. Ich würde sagen: Doch, sind sie.“ cjm, dpa