Köln – Dieses Zitat wird derzeit viel genannt: Der Modezar Karl Lagerfeld sagte einst, wer Jogginghose trägt, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Nun, in Zeiten einer weltweiten Pandemie, ist genau jene, ehemals als Modesünde verschriene Hose zum beliebten Kleidungsstück avanciert. Und das könnte so bleiben. Trendanalyst Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut in Köln sagt, es hätte noch nie eine vergleichbare Situation gegeben, in der sich die Mode so schnell so radikal verändert hätte.
Was werden die großen Trends dieses Jahr in der Mode?
Im Prinzip das ganze Spektrum zwischen Homewear und wirklicher Sport-Ausrüstung – und allem, was dazwischen liegt. Also alles, was man zwischen Sofa und Yogamatte tragen kann, ist immer noch das große Ding. Das entspricht genau unserem Leben. Denn es gibt natürlich die Tendenz, es sich zu Hause so bequem wie möglich zu machen.
Wird sich das denn auch auf den Street-Style niederschlagen?
Auf jeden Fall. Vielleicht nicht unbedingt eins zu eins auf den Pyjama oder die Homewear. Aber die Geschichte lehrt uns, dass die Menschen eine einmal errungene Bequemlichkeit nicht wieder aufgeben. Zum Beispiel wurde vor circa 100 Jahren das Korsett durch das Reformkleid ersetzt. So eine Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen.
Und wir haben uns eben an diese neue Bequemlichkeit gewöhnt. Wir haben ein Jahr lang die pflegeleichteste und bequemste Kleidung, die es auf dem Markt gibt, getragen – und das werden wir auch nicht wieder aufgeben.
Selbst wenn jetzt sämtliche Modedesigner der Welt gleichzeitig ein Comeback der High Heels propagieren würden, würden sich die Konsumentinnen dem verweigern. Weil sie die Bequemlichkeit von Sneakern, Badelatschen und so weiter so zu schätzen gelernt haben.
Welcher Teil der Modeindustrie leidet besonders unter den Veränderungen?
Unsere Freizeitkleidung hat sich viel weniger verändert als das, was wir im Beruf tragen, besonders im Büro. Das ist sehr, sehr einschneidend. Wir erleben gerade im Zeitraffertempo eine Entwicklung, die normalerweise wahrscheinlich zehn Jahre gedauert hätte.
In nur einem Jahr sind wir weggekommen von dem klassischen Business-Look, also Anzug, Hemd, Krawatte oder Kostüm und Bluse. Einfach, weil man jetzt im Homeoffice gar keine Verwendung mehr für diese Kleidung hat. Und ich denke, das wird, wie gesagt, auch in dieser Form nicht mehr zurückkehren. Wir werden bei dieser neuen Bequemlichkeit bleiben. Der „casual friday“ hat sich auf die ganze Woche ausgebreitet.
Die Mode wird also bequemer. Gilt das auch für Accessoires?
Mein Eindruck ist, dass sich durch das Masketragen die Aufmerksamkeit grundsätzlich eher vom Gesicht, das verhüllt ist, abwendet und der Blick eher nach unten wandert. Dadurch bekommen die Schuhe viel, viel mehr Aufmerksamkeit als früher. Der Schuh ist zu dem wichtigsten modischen Statement überhaupt geworden.
Welche Rolle spielt die Maske als Accessoire?
Ich denke, am Anfang haben die Leute versucht, den Masken auch ein wenig Spaß abzugewinnen. Aber das Thema ist schon wieder auf dem Rückzug, weil man die Bedrohung inzwischen sehr viel ernster nimmt. Deshalb trägt man jetzt lieber medizinische FFP2-Masken als witzige Stoffmasken.
Mode ist also immer noch ein Ausdruck der Gefühlslage?
Was wir vom Deutschen Mode-Institut vor allem beobachten, ist, dass diese Situation, die scheinbar komfortabel und entspannt ist, weil die meisten Menschen mehr Zeit zu Hause zugebracht und weniger gearbeitet haben, im Gegenteil als ein enormer Stress und eine enorme Belastung erlebt wird.
Wir empfinden es als sehr bedrückend, sind verängstigt und verunsichert. Daraus entstehen zwei große Bedürfnisse, die auch die Mode beantworten muss. Einmal das Bedürfnis nach Beruhigung. Wir wollen, dass unsere Kleidung uns mit kuscheligen Stoffen, hellen, neutralen Farben und entspannten Silhouetten beruhigt. Mode kommt mehr denn je die Aufgabe zu, ein Seelenpflaster zu sein. Und auf der anderen Seite soll Mode ein Stimmungsaufheller sein. Die Menschen wollen Kleidung, die sie aufheitert, die ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Das ist der andere große Trend. Mode darf plötzlich sehr fröhlich, ja sogar auf eine kindische Weise übermütig sein. Vor der Krise fanden viele es immer noch eine gute Idee, auf alles Totenköpfe zu drucken. Jetzt kommt es gut an, wenn man auf alles Smileys druckt. Interview: Nina Kugler