Mühlheim – Jahrzehntelang prägten Tengelmann-Geschäfte die Innenstädte der Republik mit. Mittlerweile bestimmen vorwiegend Negativ-Schlagzeilen den einstigen Konzern, der unter Karl-Erivan Haub zum Beteiligungs-Unternehmen umgebaut worden war. Die Tragödie des einstigen Firmenchefs macht Schlagzeilen – er ist 58-jährig seit April 2018 verschollen, nach einem Ausflug in die Schweizer Berge. Im Mai könnte er für tot erklärt werden – nach einem Antrag von u. a. Karl-Erivans Ehefrau Katrin, deren beiden gemeinsamen Kindern und dem Bruder Christian.
Volker Mathesius (63) hat von 2001 bis 2009 für Karl-Erivan Haub gearbeitet. Er erzählt, wie sein einstiger Chef wirklich war – denn was mittlerweile alles öffentlich gemacht worden ist, wurmt ihn. Mathesius und seine Gattin führten das alte Handelshaus in Mülheim an der Ruhr, wo wichtige Sitzungen stattfanden und in dem heute Christian Haub lebt, der aus den USA zurückgekehrt ist. „Ich kann über Erivan Haub und seinen Sohn Karl-Erivan nur das Beste sagen. Beide waren hervorragende Vorgesetzte und zu uns immer loyal, es gab nie ein böses Wort“, berichtet Mathesius.
Den Vater (1932–2018) kannte er nicht so gut wie den Sohn, er hatte sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Doch er war der Zugänglichere, sagt Mathesius. „Er ist inkognito mit seinem Chauffeur durch die Tengelmann-Supermärkte gefahren und hat sich umgesehen, ob alles in Ordnung ist. Dann stellte er sich ganz normal an der Kasse an.“
Der Sohn, der verschollene Karl-Erivan, war etwas verschlossener, „aber unglaublich bodenständig“. Wie man sich das vorstellen kann bei einem Milliardär? „Er hatte in einer Siedlung in Köln ein Einfamilienhaus, das sich nicht von den anderen in der Straße unterschied. Auch die Inneneinrichtung war ganz normal, nichts Hochpreisiges, auf der Wiese im Garten hüpften Kaninchen.“ Glaubt der langjährige Mitarbeiter, dass Haub wirklich verschollen ist – es gibt ja das Gerücht, er habe sich nach Russland abgesetzt? „Ich kann das nicht glauben. Die Eheleute Haub harmonierten wunderbar. Ich denke, dass es ein tragischer Unfall war.“ Doppelt tragisch, weil „Karl-Erivan Haub sehr sportlich war, morgens, abends oder auch zwischen Sitzungen gejoggt ist und gut Ski gefahren ist“.
Dass der jetzige Firmenchef Christian Haub (57), Bruder Karl-Erivans, Familien-Interna publik gemacht habe, stößt Mathesius sauer auf. „Noch heute tut mir das wahnsinnig leid, dass Familienstreitigkeiten – Karl-Erivan und Christian haben sich nicht sonderlich verstanden – und die Diskussionen ums Erbe an die Öffentlichkeit gelangt sind.“ Volker Mathesius hat längst einen neuen Job, wieder in einem Privathaushalt. Doch die Haub-Zeit wird etwas Besonderes bleiben. „Ich war Teil einer Familie.“
MATTHIAS BIEBER