„Absolut außer Kontrolle“

von Redaktion

Corona-Mutation P1 wütet in Brasilien – Präsident Bolsonaro immer mehr unter Druck

Berlin/São Paulo – Die Lage in Brasilien wird immer dramatischer: Rio de Janeiro hat Ernst gemacht und seine berühmten Strände wie Copacabana und Ipanema gesperrt. Die Bundespolizei bezog Stellung und schickte Badegäste und Surfer wieder zurück. Auch Strandbars, Geschäfte und Restaurants bleiben zu. „Ich kann nur an die Vernunft der Menschen appellieren. Bitte bleiben Sie zu Hause“, mahnt Rios Bürgermeister Eduardo Paes.

Lange sind Gouverneure und Bürgermeister vor drastischen Schutzmaßnahmen zurückgeschreckt. Doch jetzt erlebt Brasilien die schlimmsten Tage seit Ausbruch der Pandemie. Der März war Brasiliens tödlichster Monat. Fast 63 000 Menschen starben im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion und damit doppelt so viel wie im Juli vergangenen Jahres, dem bisherigen Pandemie-Höhepunkt.

„Kein einziges Ereignis in der Geschichte Brasiliens hat innerhalb von 30 Tagen so viele Menschenleben gekostet“, sagt der international renommierte Mediziner Miguel Nicolelis. Die Pandemie sei absolut außer Kontrolle geraten. Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, „ist es wahrscheinlich, dass wir im Juli eine halbe Million Corona-Tote haben“.

Brasilien ist zu einem gefährlichen Epizentrum der Pandemie und zur globalen Bedrohung geworden. Inzwischen sind schon mehr als 330 000 Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben. Doch trotz der nationalen Tragödie verharmlost Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro weiter die Pandemie, warnt vor dem Tragen von Masken und führt mit Verschwörungstheorien das Lager der Impfgegner an.

Die Nachrichten sind voll von erschreckenden Bildern überfüllter Krankenhäuser, in denen Corona-Patienten abgewiesen werden müssen. Es fehlt nicht nur an Beatmungsgeräten, sondern auch an Sauerstoff und Medikamenten, die zur Sedierung der zu Beatmenden wichtig sind. In den sozialen Medien senden abgekämpfte Ärzte und Krankenschwestern immer neue Hilferufe und fordern die Menschen auf, zu Hause zu bleiben. „Das Wasser steht uns bis zum Hals“, sagt die Epidemiologin Nassara Levin vom Hospital das Clínicas in São Paulo. Die Kapazität in den Krankenhäusern sei komplett ausgeschöpft. Erstmals hat die Pandemie nicht nur einzelne Bundesstaaten, sondern das ganze Land gleichermaßen fest im Griff.

Die Mutante P.1, die zuerst in der Amazonas-Metropole Manaus auftauchte, hat sich inzwischen auf ganz Brasilien und die Nachbarländer ausgebreitet. Seit Anfang März macht sie rund die Hälfte der Neu-Infektionen aus. Laut Untersuchungen soll sie um bis zu 150 Prozent ansteckender sein als die Ursprungsvariante von Covid- 19. Das Virus sei extrem anpassungsfähig, sagt Alexandre Barbosa, Virologe an der Universität von São Paulo. Impfen sei richtig, aber nicht die endgültige Antwort. „Denn wir haben es immer noch mit einem Virus zu tun, das wir nicht gut kennen und das Mutationen aufweist, die zum Verlust der Wirksamkeit des Impfstoffs führen können.“

Derweil nimmt der Druck auf Präsident Bolsonaro zu. Die konservative Opposition, zu der zahlreiche einflussreiche Gouverneure gehören, verstärkte in den vergangenen Wochen ihre Angriffe. Damit verlor Bolsonaro, der sich 2022 wiederwählen lassen will, wichtige Verbündete im Kongress. Auch die „natürliche“ Allianz des ehemaligen Hauptmanns mit dem Militär scheint zerbrochen. Die Oberbefehlshaber der drei Waffengattungen traten vor ein paar Tagen geschlossen zurück. Laut brasilianischen Medien wollten sie sich mit ihrem Rückzug gegen die politische Vereinnahmung des Militärs durch Bolsonaro wehren.

Zuvor hatte der Präsident überraschend sechs von 23 Kabinettsmitgliedern ausgetauscht. Mit diesem Schachzug versucht Bolsonaro, neue Verbündete in die Regierung einzubinden, und stemmt sich gleichzeitig gegen seine rapide sinkenden Umfragewerte. Inzwischen liegen zudem rund 70 Anträge auf Amtsenthebung gegen ihn vor. In einer aktuellen Umfrage bewerten rund 56 Prozent der Brasilianer Bolsonaros Krisenmanagement als schlecht. 43 Prozent halten ihn sogar für den Hauptverantwortlichen für die nationale Corona-Tragödie. epd

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