Plötzlich Diabetiker: Immer mehr Kinder betroffen

von Redaktion

Berlin – Es ist ein ungelöstes Rätsel: In Deutschland erkranken immer mehr Kinder und Jugendliche an Diabetes mellitus Typ 1, also der Form von Diabetes, die nicht mit ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel in Verbindung steht. Die Erkrankungsrate steigt laut Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) jedes Jahr um vier Prozent, besonders kleine Kinder sind betroffen. „Woran das liegt, wissen wir nicht“, sagt DDG-Präsident Andreas Neu.

Diabetes werde häufig mit höherem Lebensalter, Übergewicht und Bewegungsmangel assoziiert. Dass auch völlig gesunde, aktive Kinder und Jugendliche Diabetes bekommen können, sei vielen Menschen nicht klar. Plötzlich hört der Körper auf, das lebensnotwendige Insulin in ausreichender Menge zu produzieren, die jungen Patienten sind ihr Leben lang von Insulin-Spritzen oder -Pumpen abhängig. Laut DDG leben in Deutschland schätzungsweise 32 000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren mit der Autoimmunerkrankung.

Auch die Berlinerin Anne Adam hätte nicht gedacht, dass ihr Sohn Oskar mit gerade einmal 14 Monaten betroffen sein könnte: „Nach einer langwierigen Ohrenentzündung trank er plötzlich bis zu drei Liter Wasser pro Tag.“ Der Arzt habe sie damit vertröstet, dass sich der Junge vom langen Heilungsprozess erhole. Doch als Oskar eines Tages 15 Stunden am Stück schlief, apathisch und kraftlos war, fuhr sie mit ihm in eine Klinik. „Sehr schnell bekamen wir dort die Diagnose Diabetes Typ 1“, erinnert sich die 38-Jährige.

„Die Symptome können auch bei anderen Krankheiten oder jahreszeitbedingt auftreten. Deshalb braucht es oft einige Zeit, bis Eltern bewusst wird, dass ihr Kind die Krankheit haben könnte“, sagt Andreas Neu. Werden die Symptome zu spät erkannt, kann es zu einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung kommen. Es entstehen Ketonkörper – Stoffwechselprodukte, die das Blut übersäuern und zum Koma führen können. „Das ist potenziell lebensbedrohlich. Da zählen Stunden“, so Neu.

Im Pandemiejahr 2020 sind mehr Eltern als üblich verspätet mit ihren Kindern zum Arzt gegangen – mit gefährlichen Folgen: Die Zahl der Ketoaizodosen hat sich laut einer Studie im Vergleich zu den Vorjahren signifikant erhöht. 2020 lag der Anteil der Kinder, die zum Zeitpunkt der Diagnose eine Stoffwechselentgleisung hatten, in dem Zeitraum bei rund 45 Prozent, 2019 bei 25 Prozent. Über die Ursachen lasse sich nur mutmaßen. Ein möglicher Grund sei, dass Eltern aus Angst vor einer Corona-Infektion Arztpraxen und Krankenhäuser später aufsuchten, als sie es vor der Pandemie getan hätten.

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