Insul/Altenahr/Schuld – In einer gestern vorgestellten Analyse rechnet der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit mehr Stark-regenereignissen infolge des Klimawandels in Deutschland. Die Auswertung der Niederschlagsdaten von 2001 bis 2020 zeige auch, dass Starkregen überall in Deutschland auftreten könne. Mit steigenden Temperaturen würden lokale Gewitter mit extremem Starkregen eine größere Fläche betreffen. Die Gefahr steige mit der Lage und der städtischen Struktur eines Gebietes. Einsatzdaten zeigen, dass Feuerwehren „häufiger in Senken sowie an Orten mit einem hohen Maß an Besiedelung und Flächenversiegelung“ ausrücken mussten, so der DWD weiter. Der Klimaschutz müsse verstärkt werden, um den Temperaturanstieg zu begrenzen. Aber auch Städte und Gemeinden stünden vor einer Jahrhundertaufgabe, sagte Peter Jakubowski vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): „Kommunen müssen sich auf extremere Ereignisse einstellen.“ Besonders städtisch geprägte Regionen müssten rasch handeln und Flächen entsiegeln, damit diese mehr Wasser aufnehmen könnten. Dazu beitragen könnten auch kleine Flächen wie Schulhöfe oder Parkplätze, die entsiegelt Wasser aufsaugen könnten.
Zugleich müsse abgewogen werden, ob Grünflächen bebaut werden. Hauseigentümer müssten ihre Immobilie vor den Folgen von Extremwetter schützen. Außenwände könnten verstärkt, Bodenplatten verankert werden, sagte Jakubowski. Da solche Maßnahmen teuer seien, müsse über Förderprogramme nachgedacht werden. Der Finanzbedarf sei immens.
Die Hochwasserkatastrophe vom Juli sei ein extrem seltenes Ereignis gewesen, erklärte der DWD. Die hier gemessenen Regenmengen träten statistisch betrachtet alle 100 Jahre oder seltener auf. Hinzu seien die sehr lange Dauer von 48 Stunden und die enorme Größe des Regengebiets von 43 000 Quadratkilometern gekommen. Zusammengefasst lägen die Werte etwas oberhalb der Niederschläge, die 2002 zum Elbehochwasser geführt hätten.
Unterdessen sind sechs Wochen nach der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrein-Westfalen mit mehr als 180 Toten im besonders betroffenen Ahrtal – in dem 133 Menschen ihr Leben verloren haben – Tausende Häuser in den Rohbau zurückversetzt worden und müssen jetzt monatelang austrocknen. Die ersten besonders stark beschädigten Häuser sind abgerissen, die meisten der meterhohen, mit Öl verseuchten, Schlamm überzogenen Müllberge abtransportiert und einige Notbrücken über der Ahr errichtet. Doch die Folgen der zerstörerischen Gewalt, mit der sich die tsunamiartige Welle durch das idyllische Tal gebrochen hat, sind noch überall zu sehen. Die Menschen zwischen Schuld und Sinzig in Rheinland-Pfalz lässt die Katastrophennacht des 14. Juli nicht los. Verwandte, Freunde und Nachbarn kamen in den Wassermassen um oder wurden verletzt. Zu den Anstrengungen, das eigene, völlig verschlammte Haus mitsamt den Erinnerungen und Möbeln zu entmüllen und wieder bewohnbar zu machen – zumindest irgendwann – kommen Existenzsorgen. Die Soforthilfen sind zwar angekommen, reichen aber nicht lange.
Bernd Gasper, der im fast völlig zerstörten Altenahrer Stadteil Altenburg lebt, konnte beispielsweise gar nichts retten, nicht mal die Kleidung, die er trägt, gehörte ihm. Alle zehn Häuser seiner Familienangehörigen im Ahrtal seien schwer beschädigt worden, acht davon allein in Altenburg. „Das ist ein Geisterdorf, hier lebt keiner mehr“, sagt Gasper.