Als im Vatikan „Paralympics“ stattfanden

von Redaktion

Vor fast 120 Jahren lud Pius X. behinderte Sportler zu Wettkämpfen ein

VON ROLAND JUCHEM

Vatikanstadt – Die Idee sportlicher Wettkämpfe von körperlich behinderten Menschen ist offiziell gut 70 Jahre alt. Auf Initiative des deutschstämmigen Neurologen Sir Ludwig Guttmann fanden im englischen Aylesbury 1948 die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer statt, die sog. Stoke Mandeville Games – am selben Tag wie die Olympischen Spiele von London.

Bewusst wollte Guttmann die Wettkämpfe der Menschen mit Behinderung mit den Spielen der Nichtbehinderten verbinden. Auch wenn daran nur 14 kriegsversehrte Männer und Frauen teilnahmen und ihre Fertigkeiten im Bogenschießen maßen, wurde die Idee weiterverfolgt. 1960 kämpften schon 400 Athleten aus 21 Nationen bei den ersten „Weltspielen der Gelähmten“ in Rom gegeneinander, wenige Wochen nach den Olympischen Sommerspielen – rückblickend die Geburtsstunde der Paralympics.

Ebenfalls in Rom, allerdings über 40 Jahre vor den Stoke Mandeville Games von 1948, gab es Wettkämpfe, an denen ebenfalls körperlich behinderte Sportler teilnahmen. Ort: der Vatikan. Stadion: der Apostolische Palast. Gastgeber: Papst Pius X. (1903-1914). Klar, dass es 1904 für jede Menge Aufsehen sorgte, dass im Damasushof, wo heute noch Staatsgäste zur Päpstlichen Privataudienz vorfahren, Beinamputierte mit Prothesen sich bei Läufen maßen und taube Sportler ebenso wie blinde und sehbehinderte Athleten gegeneinander antraten. Die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ berichtete damals von neun Jugendlichen einer kirchlichen Blindenschule, von denen ein gewisser Cittadini den Hochsprungwettkampf mit 1,10 Meter für sich entschied.

Schon bald wurde das päpstliche Stadion in den größeren Cortile del Belvedere verlegt. Fotoaufnahmen von damals zeigen Tribünen, eine Läuferbahn, Fahnen und Sportler in Mannschaftsaufstellungen. Ein Anblick, der wohl nicht jedem kirchlichen Würdenträger gefiel. Angesichts von Läufergruppen in den Vatikanischen Gärten sowie knappen Trikots von Turnern, die schamlos nackte Waden und muskulöse Arme zur Schau stellten, habe Kardinal Rafael Merry del Val in einem nicht ganz gesicherten Wortwechsel vom Papst wissen wollen: „Heiligkeit, wohin soll uns das alles führen?“ Darauf soll Pius X. geantwortet haben: „Mein Lieber, ins Paradies!“

Beteiligung und Integration behinderter wie nicht behinderter Sportler ist auch ein Anliegen der 2017 gegründeten „Athletica Vaticana“. Das Team von rund drei Dutzend Frauen und Männern, die im Vatikan angestellt sind, hat auch das Ziel, Solidaritätsinitiativen mit Behinderten zu fördern.

Darauf wies auch Papst Franziskus hin, als er Italiens Sportzeitung Nr. 1, der „Gazzetta dello Sport“, ein Interview gab. Die Sportler der Paralympics hätten spannendste Geschichten zu erzählen. Geschichten, „die einem deutlich vor Augen führen, dass Grenzen nicht in den Menschen mit Behinderung liegen, sondern im Denken derjenigen, die sie betrachten“.

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