Köln – Im Laufe seines Leben entfremdet sich einer Studie zufolge jeder fünfte Erwachsene zumindest zeitweise von seinem Vater. Von der Mutter entfremdet sich hingegen nur knapp jeder Zehnte, wie die Universität Köln am Montag mitteilte. „Dies lässt sich damit erklären, dass die Bindung zur Mutter oft enger ist als zum Vater“, erklärte Sozialwissenschaftler Karsten Hank. Töchter und Söhne gehen den Angaben zufolge in etwa gleich häufig auf Abstand zu ihren Eltern. Oft nähern sie sich nach einiger Zeit aber wieder an; das trifft auf 62 Prozent der unterbrochenen Beziehungen zur Mutter und auf 44 Prozent der Beziehungen zum Vater zu.
Das Forscherteam der Universität Köln und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) bezieht sich auf die „parfam“-Längsschnittstudie, die seit 13 Jahren partnerschaftliche und familiäre Lebenssituationen in Deutschland untersucht. Eine Entfremdung liegt für die Soziologinnen und Soziologen dann vor, wenn ein Erwachsener weniger als einmal im Monat Kontakt zu einem Elternteil hat und ihm zugleich emotional nicht nahesteht.
Besonders häufig taucht die Funkstille in Familien auf, wenn ein Elternteil gestorben ist oder wenn ein Elternteil nach einer Trennung einen neuen Partner hat. Dass es einen Zusammenhang zum Tod von Mutter oder Vater gibt, bezeichnete MLU-Soziologe Arranz Becker als überraschend. „Man würde eigentlich vermuten, dass die Bindung nach einem solchen Ereignis enger wird, aber tatsächlich wird sie eher schlechter.“ Wenn nach einer Trennung die Beziehung zum Stiefelternteil schlecht ist, folgt laut Studie häufig eine Entfremdung vom leiblichen Elternteil.
Für ihre Untersuchung werteten Soziologen Daten aus den Jahren 2008 bis 2018 zu mehr als 10 000 Menschen aus. Sie berücksichtigten die Angaben von Erwachsenen zwischen 18 und 45 Jahren, die nicht mit ihren Eltern zusammenlebten. Die Forschenden veröffentlichten ihre Ergebnisse in der soziologischen Fachzeitschrift „Journal of Marriage and Family“.