Wie kam die scharfe Munition in den Film-Revolver?

von Redaktion

Santa Fe – Der Tag, an dem die 42-jährige Kamerafrau Halyna Hutchins durch einen Schuss in die Brust ihr Leben verlor, hatte bereits unter schlechten Vorzeichen begonnen. Unter den Mitarbeitern des Produktionsteams von Hollywoodstar Alec Baldwin (63) herrschte schlechte Stimmung. Bereits am Vorabend hatten übereinstimmenden Berichten zufolge mehrere Mitglieder des Kamerateams, die bei der Stadt Santa Fe den Western „Rust“ filmten, in ihrem Hotel ein Rücktrittsschreiben formuliert. Das hatte mehrere Gründe – darunter auch Klagen in Sachen Sicherheit. Die „Los Angeles Times“ berichtete von drei Mitarbeitern, die von Fehlfunktionen an dem bei dem Streifen benutzten Baldwin-Revolver sprachen – die letzten hätten sich am 16. Oktober ereignet. Sechs Stunden vor dem tödlichen Schuss, zum Zeitpunkt des Drehbeginns um 6.30 Uhr früh, reichte dann am Donnerstag fast das gesamte Kamerateam den Rücktritt ein. Fieberhaft wurde nach Ersatz gesucht, der sich dann nach und nach einfand. Gegen 13 Uhr wurden die Dreharbeiten wieder aufgenommen – zunächst mit einer Probeszene, die sich in einer Kirche abspielte. In dem Gebäude war ein Revolverduell geplant, dass sich dann im Außenbereich fortsetzen sollte. An dem Duell sollte auch Hauptdarsteller Alec Baldwin beteiligt sein.

Die Waffe, die ihm Regieassistent Dave Halls dazu überreichte, war ein sechsschüssiger Revolver – eine von drei Waffen, die auf einem Rolltisch bereit lagen. „Cold Weapon!“ („Kalte Waffe!“) soll Halls Zeugen zufolge dabei gesagt haben – der übliche Jargon dafür, dass es keine scharfe Waffe sei. Den Revolver hatte zuvor die erst vor wenigen Tagen verpflichtete 24-jährige Hannah Reed präpariert. Deren Vater, Thell Reed, ist ein in Hollywood gut bekannter Experte für Waffennutzung bei Filmarbeiten. Nachdem die Duell-Szene in und vor der Kirche zunächst nicht zur Zufriedenheit von Filmregisseur Joel Souza ausgefallen war, habe dieser Zeugen zufolge eine Wiederholung gefordert. Baldwin habe, so wird berichtet, dann scherzhaft die Waffe auf die Kamerafrau und den hinter ihr stehenden Souza gerichtet – und wohl auch etwas verärgert über die Verzögerung gesagt: „Nun werde ich auf euch schießen“. Dann drückte Baldwin ein einziges Mal ab. Die Kugel traf Hutchins in die Brust, trat am Rücken aus und verletzte dann Souza im Bereich des Schulterblattes. Baldwin habe, so sagte am Wochenende der Waffenexperte Bryan Carpenter der „New York Post“, dabei die Grundregel Nummer eins für Waffensicherheit verletzt. Und die laute: „Geladen oder nicht, eine Waffe darf nie auf einen anderen Menschen gerichtet werden“, so Carpenter. Selbst Filmwaffen seien oftmals Waffen, die früher für Schüsse mit scharfer Munition und nicht Platzpatronen benutzt worden seien. Und bei Dreharbeiten würden diese dann nur auf einen „Dummy“ gerichtet – aber nie, wie es Baldwin tat, auf einen Menschen.

Die Kripo und Staatsanwaltschaft von Santa Fe gehen nun der Kernfrage nach: Wie konnte eine scharfe Patronen in den Revolver kommen? War es ein bewusster Sabotageakt eines frustrierten Teammitglieds, für den es bislang keinen Hinweis gibt? Scharfe Munition war am Drehort explizit verboten. Als realistischere These für die Tragödie sehen Experten derzeit einen Ablauf, der 1993 bereits Brandon Lee – dem Sohn von Bruce Lee – das Leben gekostet hatte. Damals hatte eine bei Dreharbeiten benutzte Platzpatrone dafür gesorgt, dass sich ein noch im Lauf feststeckendes scharfes Geschoss löste und Lee traf. Als denkbar erscheint nun, dass die von Baldwin benutzte Waffe nach den früheren Fehlfunktionen vor dem Einsatz am Drehort mit scharfer Munition getestet worden war – und sich dabei ebenfalls eine Patrone im Lauf festsetzte. Ein solches Problem kann nur ein Waffenschmied sicher beseitigen. Das Onlinemagazin „TMZ“ berichtete gestern von einer weiteren Theorie: Der Revolver sei vom Team außerhalb der offiziellen Dreharbeiten für Schüsse zum Vergnügen benutzt worden, die Polizei habe vor Ort scharfe Munition und Platzpatronen gemischt gefunden. So könnte der tödliche Schuss in die Revolverkammer gelangt sein. F. DIEDERICHS

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