Chicago – Morde sind in Chicago und anderen Metropolen längst keine Blitzmeldungen der örtlichen Medien mehr wert. Nur gelegentlich gibt es mehr Platz als nur einige Zeilen – vor allem, wenn die Opfer Kinder oder Minderjährige sind. Wie im April, als ein siebenjähriges schwarzes Mädchen erschossen wurde, als es mit ihrem Vater in einem McDonald’s-„Drive through“ saß. Oder im März, als ein 13-jähriger Junge lateinamerikanischer Herkunft um 2.30 Uhr nachts von einem Polizisten erschossen wurde. Zuvor hatte er eine Waffe, die er am Körper trug, weggeworfen.
Jüngster Vorfall: ein 15-Jähriger erschoss am Dienstag an einer High School in Oxford/Michigan drei Schüler. Die Debatte um die Ursachen für die Gewaltwelle wird die Tat aber sicher weiter befeuern. In die schaltete sich kürzlich erstmals auch der Vorstandschef von McDonald’s, Chris Kempczinski, ein. In einer Text-Nachricht an Chicagos Bürgermeisterin Lori Lightfoot, eine afro-amerikanische Demokratin, sprach er von „tragischen“ Vorfällen – und fügte dann an, was Lightfoot nie öffentlich sagen würde: „Die Eltern haben bei diesen Kindern versagt“.
Kempczinski musste sich daraufhin von Aktivisten im linken Lager „Rassismus“ und „Arroganz“ vorwerfen lassen – und rang sich, vor allem wohl mit Rücksicht auf Geschäftsinteressen des nahe Chicago residierenden Weltkonzerns, eine Entschuldigung ab.
Beide Fälle und die damit verbundenen oft unbequemen Wahrheiten zeigen dennoch gut, warum die Schusswaffengewalt in den USA eskaliert ist und die Opferzahlen so zunehmen. Der Vater der getöteten Siebenjährigen hat viele Vorstrafen und räumte in sozialen Medien sogar ein, dass er sich als Ziel in einem Bandenkrieg sieht. Warum setzte er dann seine Tochter Gefahren aus?
Mindestens die Hälfte aller Mordopfer in Chicago sind bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gruppen zuzurechnen, und dies geht vor allem zulasten von Minderheiten wie Latinos und Afro-Amerikanern, die hier und in anderen Städten die Mehrheit von Opfern und Tätern stellen. Für die landesweit unter Sparmaßnahmen, Stellenabbau und permanenter Kritik leidende Polizei ist es angesichts des latenten Misstrauens der Bürger nahezu unmöglich, diese Banden zu unterwandern und präventiv tätig zu werden.
Der Tod des von einem Chicagoer Cop erschossenen 13-jährigen Jungen wirft zudem ein Licht auf andere Aspekte der Krise: Frei verfügbare Schusswaffen und das vom McDonald’s-Chef zu Recht beschriebene Versagen der Eltern in einem Teil der Fälle. Zum einen existiert bei über 300 Millionen Schusswaffen im Umlauf eine nicht enden wollende Versorgung auch von Personen, die sich eine Pistole oder einen Revolver illegal beschaffen wollen. In Chicago, das scharfe Waffenbesitz-Gesetze hat, war dies auch für den getöteten Teenager möglich, der vor seinem Tod noch mit einem 21-jährigen Komplizen auf fahrende Autos geschossen hatte. Und dann ist da noch die Frage aller Fragen, die auch der McDonald’s-CEO indirekt so gestellt hatte, nur um sich wenig später als „Rassist“ attackieren lassen müssen: „Wie können es Eltern zulassen, dass ein 13-Jähriger bewaffnet mitten in der Nacht unterwegs ist?“
FRIEDEMANN DIEDERICHS