Harrogate/Nohfelden – Helmut Schmidt war noch Bundeskanzler, der internationale Musikwettbewerb hieß noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ statt Eurovision Song Contest und das Wort „bisschen“ schrieb sich noch „bißchen“: Vor 40 Jahren, am 24. April 1982, gewann Nicole in der englischen Kurstadt Harrogate mit dem Lied „Ein bisschen Frieden“ (Musik: Ralph Siegel, Text: Bernd Meinunger) für die Bundesrepublik Deutschland Europas größte Musikshow.
Lange blonde Haare, schwarz-weißes Pünktchenkleid, die Gitarre auf den übereinandergeschlagenen Beinen haltend: So faszinierte die verträumte 17-jährige Deutsche ein Millionenpublikum. Es war der 27. Eurovision Song Contest, 18 Länder nahmen daran teil, darunter zum Beispiel das heute längst untergegangene Jugoslawien.
Sie werde nicht müde, für den Frieden zu singen, sagte Nicole einmal. Zudem bleibe der Song, den sie als „ein Jahrhundertlied und ein Geschenk Gottes“ bezeichnet hat, immer aktuell. Kriege werde es immer geben. Und den Wunsch nach Frieden, sagte die Saarländerin, die dort lebt, wo sie aufgewachsen ist: in der Gemeinde Nohfelden im Saarland. Sie ist mit ihrer Jugendliebe verheiratet, das Paar hat zwei Töchter und zwei Enkel.
Nicole hat in ihrer Karriere rund 30 Alben herausgebracht und zig Millionen Tonträger verkauft. 28 Jahre sollte es nach Nicoles erstem Sieg für die Bundesrepublik Deutschland dauern, bis Deutschland wieder den ersten Platz belegte: Im Jahr 2010 gewann Lena in Oslo mit dem Song „Satellite“.
Wir sprachen mit Nicole und dem Komponisten Ralph Siegel über das besondere Jubiläum und ein Lied, das aktueller ist denn je:
Haben Sie die weiße Gewinner-Gitarre noch?
Nicole: Selbstverständlich, ebenso das Kleid und die Schuhe.
Ein bisschen Frieden – dieser Wunsch ist heute aktueller denn je: Macht Sie diese Entwicklung traurig?
Nicole: Ja, sehr sogar. Aus den Fehlern wurde nichts gelernt und sich vom Frieden immer weiter entfernt… Ralph Siegel: Es braucht allerdings mehr als ein bisschen Frieden! Ich bin jedes Mal total erschüttert, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe. Jetzt kann ich nachvollziehen, was meine Eltern damals durchgemacht haben. Mit drei Jahren brachte mein Vater mich aufs Land, in der Nähe vom Chiemsee. Wir sollten nicht in der total zerbombten Stadt aufwachsen.
Nicole, Sie singen den Song bei jedem Ihrer Konzerte. Was denken Sie dabei auf der Bühne – und wie reagieren die Fans?
Nicole: Ich kriege immer noch Gänsehaut, und wann immer ich dieses Lied anstimme, passiert etwas mit dem Publikum. Manche weinen, viele singen mit.
Damals, vor genau 40 Jahren, wurden Sie mit 17 Jahren über Nacht zum Weltstar. Kam der Erfolg aus heutiger Sicht zu früh?
Nicole: Ich hatte ja schon vorher einen großen Erfolg mit „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“, bin also nicht ins kalte Wasser geschmissen worden.
…und hatten auch eine Vorahnung vom Grand-Prix-Sieg, oder? Herr Siegel, wie haben Sie den Abend in Harrogate erlebt?
Ralph Siegel: Schon auf dem Weg zur Generalprobe sahen Nicole und ich uns an und sagten: Wir gewinnen heute, wir sagen’s nur keinem (lacht). Nach fünf Liedern wussten wir: Wir können nicht mehr eingeholt werden. Wir sind rauf, Nicole sang dann noch einmal. Und sie war spontan, sie sang das Lied in fünf verschiedenen Sprachen! Das war allein ihre Idee – wunderschön, wie sie da stand mit ihren blauen Augen…
Nicole, was fühlen Sie, wenn Sie Ihren Auftritt in Harrogate heute sehen?
Nicole: Ich war und bin stolz, den ersten Sieg nach Deutschland geholt zu haben.
Gab es denn keine Party direkt nach dem Grand Prix?
Siegel: Als wir um halb drei Uhr morgens zurück ins Hotel fuhren, überredete ich den Nachtwächter, uns die Küche aufzusperren. Wir haben dann alles gegessen, was eigentlich fürs Frühstück vorbereitet war. Es war ein fantastisches Erlebnis!
Ralph Siegel hat den Song komponiert. Ihre beruflichen Wege trennten sich nach einigen Jahren. Haben Sie heute wieder oder noch Kontakt?
Nicole: Ja, wir haben uns nie aus den Augen verloren und telefonieren fast jede Woche.
Siegel: Selbstverständlich haben wir noch Kontakt! Nicole ist ja die Patentante meiner Tochter Alana. Wir haben fast 25 Jahre zusammengearbeitet. Bis 2003, da riet man ihr, doch mal mit jungen, modernen Komponisten zusammenzuarbeiten. Na ja, ich war nicht erfreut darüber, aber so ist das Leben eben. Sie hat ja jetzt auch ein neues Album, ich bin stolz auf sie!
Schauen Sie zusammen mit der Familie beim ESC zu?
Nicole: Klar, mein Mann und ich schauen nach Möglichkeit jedes Jahr, manchmal auch mit Freunden.
Und wie sieht das bei Ihnen aus, Herr Siegel? Sie waren ja immer wieder beim ESC dabei als Komponist, das lässt einen sicher nicht los?
Siegel: Natürlich schaue ich den ESC, das ist ja mein Beruf. Ich habe mich wieder mit zwei Liedern beworben, aber es ist ja wohl mehr DJ-Musik angesagt. Ich habe mich immer damit auseinandergesetzt, was Europa gefällt, man muss den Blick weiten. sas/ka