Hanau – Beklemmende Szenen am Mittwochmorgen in der Hanauer Innenstadt: In den Straßen um ein Hochhaus stehen zahlreiche Polizeiwagen, einige mit angeschaltetem Blaulicht; Dutzende Uniformierte haben alles im Blick. Der Parkplatz im rückwärtigen Bereich ist mit rot-schwarzem Flatterband abgesperrt. Der Ort ist nur wenige Schritte vom Heumarkt entfernt, dem ersten Tatort der rassistischen Morde vom 19. Februar 2020. Wieder hat sich hier Schreckliches abgespielt. Zwei Kinder sind tot. Doch der Hintergrund ist diesmal ein anderer.
Gegen 7.25 Uhr geht am Mittwoch in der Leitstelle der Polizei ein Notruf ein, wie die Staatsanwaltschaft in Hanau und die Polizei in einem gemeinsamen Statement im Laufe des Vormittags mitteilen: Passanten hatten zuvor einen schwer verletzten Jungen auf dem Parkplatz hinter dem Hochhaus gefunden. Als kurz darauf die ersten Einsatzkräfte eintreffen, finden diese den Schwerverletzten vor, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbar ist.
Der Junge wird sofort ins Klinikum gebracht, wo er trotz aller ärztlichen Bemühungen wenig später stirbt. In einer Wohnung im neunten Stock entdeckt die Polizei ein lebloses Mädchen auf dem Balkon. Ein Notarzt kann nur noch den Tod feststellen.
Wie Staatsanwältin Lisa Pohlmann am Vormittag im Rahmen einer vor Ort einberufenen Medienkonferenz sagt, gehen die Ermittler von einem Tötungsdelikt aus, zudem deuteten erste Hinweise auf einen familiären Hintergrund der Tat.
Die Spurensuche konzentriere sich nun darauf, was sich am Morgen in der Wohnung im neunten Stock abgespielt haben könnte. Nähere Erkenntnisse zu der Tat sollte auch die Obduktion der beiden Kinder bringen, die noch für Mittwoch angesetzt wurde. Die Polizei fahndet mit Hochdruck nach einem männlichen Tatverdächtigen. In der Wohnung, auf deren Balkon das tote Mädchen gefunden wurde, lebten nach Angaben der Staatsanwältin ein elfjähriger Junge und ein siebenjähriges Mädchen. Ob es sich bei den Toten um die Kinder der Familie handelte, die die Wohnung bewohnt, konnten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher sagen, ihre Identität stehe noch nicht eindeutig fest.
Auch die Frage, ob es sich beim gesuchten Verdächtigen um den Vater der Kinder handelt, blieb zunächst offen. Angaben zu dieser Person könnten noch nicht gemacht werden, hieß in einer schriftlichen Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft. Bei der Suche nach weiteren Spuren entfernte die Polizei Büsche im Bereich des Hochhauses, mithilfe einer Drohne wurde der Tatort aus verschiedenen Perspektiven fotografiert. Neue Erkenntnisse könne man wohl erst am Donnerstag präsentieren. DAVID SCHECK