Berlin – Mal ist es ein ganz besonderer Moment, mal noch Unsicherheit: Soll ich oder nicht? Der Handschlag ist zurück – und das, obwohl so viele ihn schon nach wenigen Monaten Pandemie eigentlich totgesagt hatten. Namaste, Ellenbogencheck und Co. fühlen sich auch nach zwei Jahren noch nicht richtig an. Zu tief sitzt das Ritual – wenn die Handflächen ineinandergreifen, die Finger sich berühren, die Blicke sich treffen. Wieso machen wir das eigentlich?
Eine so lange kulturelle Tradition, die ändere sich nicht mal eben in zwei Jahren Pandemie, sagt Martin Grunwald. Er ist Psychologe und leitet das Haptik-Forschungslabor an der Uni Leipzig. „Erst über sogenannte Vollkontakt-Informationen versichern wir uns, dass der andere wirklich existiert, wirklich da ist. Allen anderen Sinnen kann man nicht so sehr trauen.“ Doch auch, wer sich mit der Faust oder per Ellenbogen begrüßt, berührt den anderen – nur anders. Reicht das nicht? „Das ist ein ganz anderes Körpergefühl, nichts Warmes, nichts Weiches. Sehr hart, knochig“, sagt Grunwald. Beides sei nur ein Kompromiss.
Soziokulturell wird dem Sich-die-Hand-Ggeben noch eine andere Bedeutung zugeschrieben, „Das signalisiert ,Ich komme in Frieden‘ und ,Ich bin waffenlos‘“, sagt Grunwald.
Nach einigen Corona-Monaten klagte der britische Sänger Ronan Keating: „Ich fürchte, wir werden uns weniger berühren, es wird vielleicht auch weniger Wärme geben“, sagte der Popstar im Juli 2020. „Ein guter Handschlag bedeutet einfach etwas.“ Und siehe da: Selbst Politiker – und sogar die britische Königin Elizabeth – gaben sich in den vergangenen Wochen schon wieder herzlich die Hand. Die Szene zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und dem britischen Premierminister Boris Johnson dürften viele aus ihrem Alltag kennen: Einer reicht die Hand, der andere bietet erst mal noch die Faust zum Gruß. Tatsächlich brauche der Mensch den Handschlag nicht unbedingt, wohl aber die Begrüßung quasi als Friedenszeichen, sagt die Verhaltensbiologin Imme Gerke. Und doch ist das Handgeben, was viele schon seit der Kindheit machen, essenziell: „Deswegen kommt der Handschlag zurück. Er ist uns vertraut. Je vertrauter, desto beruhigender.“ Besonders in südlicheren Gefilden ist eine andere Geste sehr vertraut: das Küsschen auf die Wange. Und obwohl es noch mehr Nähe mit sich bringt, auch mit Blick auf Infektionsrisiken geradezu abenteuerlich wirkt – auch dieses Ritual ist wieder da. Die Franzosen begrüßen sich längst wieder mit „Bisous“, die Italiener entdecken langsam, aber sicher ihre „Baci“ wieder.
Nach zwei Jahren Abstand erscheint vielen aber auch der Händedruck als Berührung mit neuen oder losen Bekannten fast intim. Ist das nicht ganz schön viel Nähe? „Das ist genau der Punkt“, sagt die Expertin. „So viel Nähe zuzulassen ist ein Risiko. Wenn diese riskante Situation gut ausgeht, empfinden wir das als sehr angenehm. So entstehen soziale Bindungen.“
Für den einen oder anderen ist es etwas zu viel Nähe – vor allem nach zwei Jahren grübeln über Viren, Ansteckungen und Abstand. Diejenigen, die das Händeschütteln „jetzt befremdlich finden, haben es entweder schon immer befremdlich gefunden, das aber in der täglichen Routine überspielt – oder sind sich der Notwendigkeit und der Funktion der Begrüßung nicht bewusst“, sagt Gerke.
Und wie unhygienisch ist das Händeschütteln wirklich? „Allein über die Hände infizieren wir uns nicht mit Corona oder anderen Erregern von Atemwegserkrankungen. Durch das Händeschütteln können die Hände aber mit Sekreten verschmutzt werden, die Viren enthalten“, sagt Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. „Wie hoch das Infektionsrisiko durch das Händeschütteln ist, hängt natürlich davon ab, ob Ihr Gegenüber hochinfektiöse Sekrete berührt hat. Das Risiko ist also nicht Null, aber eher gering – zumindest wenn man es mit der Infektionsgefahr über Tröpfchen vergleicht.“ SOPHIA WEIMAR