Amokfahrt am Berliner Breitscheidplatz

von Redaktion

Eine Tote (51) und zahlreiche Schwerverletzte – Fahrer laut Polizeikreisen psychisch auffällig

Berlin/Wiesbaden – Die Szenen riefen gestern schreckliche Erinnerungen wach. Jahre nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ertönten wieder Sirenen im Herzen Berlins. Insgesamt 130 Einsatzkräfte eilten in den Stadtteil Charlottenburg, nachdem ein 29-jähriger Deutsch-Armenier seinen Kleinwagen in eine Menschengruppe gesteuert hatte. Nach Informationen aus Polizeikreisen soll der Verdächtige psychisch auffällig sein.

Eine 51-jährige Lehrerin aus dem nordhessischen Bad Arolsen ist bei dem Vorfall getötet worden. Nach Feuerwehrangaben erlitten sechs Menschen lebensgefährliche Verletzungen. Hinzu kämen drei Schwerverletzte und wohl fünf Leichtverletzte. Sie alle sind laut Polizei Mitglieder einer Schülergruppe – am Nachmittag war von einer zehnten Klasse die Rede. Ein Lehrer wurde demnach schwer verletzt. Die Schüler aus Hessen würden psychologisch betreut, sagte Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD). Der Fahrer des Wagens – ein Deutsch-Armenier mit Wohnsitz in Berlin – wurde vorläufig festgenommen und sei mittlerweile in ein Krankenhaus gebracht worden. Spranger kündigte an, der Tatverdächtige werde in alle Richtungen überprüft. Am Abend durchsuchte die Polizei mit Unterstützung eines Spezialeinsatzkommandos die Wohnung des Fahrers.

Unklarheit gab es länger um ein mögliches Bekennerschreiben des Mannes. Zunächst hieß es, die Polizei habe im Wagen ein entsprechendes Schriftstück gefunden. „Ein richtiges Bekennerschreiben gibt es nicht“, sagte dagegen Innensenatorin Iris Spranger. Sie sprach von „Plakaten“, auf denen Äußerungen zur Türkei stehen würden. Am späten Abend stellte auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) klar: „Es gibt entgegen der Aussagen, die zwischendurch mal kamen, kein Bekennerschreiben.“ Es seien auf der Rückbank des Wagens lediglich zwei Plakate gefunden worden. Es sei noch nicht geklärt, ob diese im Zusammenhang mit dem Vorfall stünden. „Wir haben in den ersten Vernehmungen da auch noch keine klaren Aussagen bekommen.“

Den Angaben zufolge hatte der 29-Jährige den Renault-Kleinwagen zuerst an der Straßenecke Ku’damm und Rankestraße auf den Bürgersteig des Ku’damms in die Gruppe gesteuert. Dann fuhr er auf die Kreuzung und knapp 200 Meter weiter auf der Tauentzienstraße Richtung Osten. Kurz vor der Ecke Marburger Straße lenkte er den Wagen erneut von der Straße auf den Bürgersteig, touchierte ein anderes Auto, überquerte die Marburger Straße und landete im Schaufenster einer Douglas-Filiale. Eine Sprecherin bestätigte, dass zumindest im Geschäft keine weiteren Personen verletzt worden seien. Der Fahrer sei zunächst von Passanten festgehalten worden, sagte Polizeisprecher Thilo Cablitz. Er war nach dpa-Informationen mit einem Auto unterwegs, das seiner älteren Schwester gehört. Er soll der Polizei bereits wegen mehrerer Delikte bekannt gewesen sein, allerdings nicht in Zusammenhang mit Extremismus.

Giffey sagte den Betroffenen Unterstützung zu. „Wir werden alles dafür tun, den Betroffenen zu helfen.“ Ebenso werde alles dafür getan, den Hergang aufzuklären.

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte: „Wir haben umgehend Notfallbetreuungsteams nach Bad Arolsen geschickt, um den Angehörigen, Mitschülerinnen und Mitschülern sowie den Lehrkräften beizustehen.“ Ein Team aus der Schule sei nach Berlin aufgebrochen, um den Jugendlichen sowie ihren Eltern zur Seite zu stehen. „Neben der Aufklärung dieses Vorfalls ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler über die traumatischen Erlebnisse sprechen können.“ SABINE SCHWINDE

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