Genua – Mit Tränen in den Augen liegen sich vor dem Gerichtsgebäude in der norditalienischen Stadt Genua Menschen in den Armen. Eine Frau trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Foto eines jungen Mannes darauf. Fast vier Jahre mussten Freunde und Familien auf diesen Tag warten, bis der Prozess um den tödlichen Einsturz der Autobahnbrücke „Ponte Morandi“ beginnen konnte.
„Es ist die letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit, die wir haben“, sagte eine Angehörige, die bei dem Unglück am 14. August 2018 mit 43 Toten ihren Partner verlor, im italienischen Fernsehen. Wegen des Unglücks mit 43 Todesopfern müssen sich 59 Angeklagte vor Gericht in Genua verantworten, darunter hochrangige Vertreter des Autobahnbetreibers Autostrade per l’Italia (Aspi) und des Bauunternehmens Spea sowie Beamte des Infrastrukturministeriums.
Den Angeklagten wird unter anderem fahrlässige Tötung, Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit und Rechnungsfälschung zur Last gelegt. Das Verfahren soll voraussichtlich zwei bis drei Jahre dauern. Opferanwalt Raffaele Caruso sagte der Nachrichtenagentur AFP, es handele sich angesichts des Ausmaßes des damaligen Unglücks und der Zahl der Beschuldigten um „einen der wichtigsten Prozesse in der jüngeren Geschichte Italiens“.
Es geht unter anderem um die Frage, ob die Brücke ausreichend gewartet und ihr Zustand ausreichend kontrolliert wurde. „Die Morandi-Brücke war eine Bombe mit Zeitzünder“, hob Staatsanwalt Walter Cotugno hervor. „Man konnte das Ticken hören, aber man wusste nicht, wann sie explodieren wird.“ Es gebe keinen Zweifel, dass die Führungen des Autobahnbetreibers und des Bauunternehmens sich dieses Risikos bewusst gewesen seien, sagte Cotugno. Sie hätten sich aber gegen notwendige Arbeiten an der Brücke gesträubt, um den Aktionären „die Dividenden zu sichern“.
Die Unternehmen selbst sind einem Prozess durch eine außergerichtliche Einigung entgangen, wonach sie dem Staat wegen des Unglücks 29 Millionen Euro zahlen müssen. Mehr als 60 Millionen Euro zahlte der Autobahnbetreiber an die Familien der Opfer aus, nur zwei Opferfamilien akzeptierten diese Vereinbarung nicht.