München/Offenbach – „Es sind Extremwerte, die so noch nie ein Wettermodell für unsere Breitengrade ausgespuckt hat!“, wundert sich Diplom-Meteorologe Dominik Jung. In den kommenden Tagen wird es heiß in Deutschland – extrem heiß. Für Mitte Juli prognostizieren aktuelle Modelle Temperaturen von bis zu 43˚ Grad Celsius. „Für bestimmte Risikogruppen sind solche Werte durchaus gesundheitsrelevant“, erklärt Jung.
„Weltweit sterben demnach mehr Menschen an Hitze als an allen anderen Extremwetterlagen“, sagt Dominik Jung, der als Klimaexperte für das Portal www.wetter.net im Einsatz ist. Seine Meinung: „Hitze müsste streng genommen auch als Unwetter deklariert werden.“ Jung rät den Münchnern, Anfang der Woche noch einmal ordentlich durchzulüften. „Bis Dienstag bleibt die Lage hier noch entspannt.“ Am Mittwoch soll das Thermometer demnach schon auf 30˚ Grad klettern – Tendenz stetig steigend. Für die Küsten sagen die Wettermodelle gemäßigtere Temperaturen voraus. Die extreme Hitze wird sich demnach vor allem südlich der Main-Linie bis nach Süddeutschland ausbreiten. Doch auch Brandenburg und Bremen könnten Werte bis zu 40 Grad erreichen.
In anderen Teilen Europas könnte es noch heißer werden, vor allem Westeuropa droht eine Hitze, wie es sie bisher nur selten gegeben hat. Laut einigen Wettermodellen könnten die Temperaturen in Frankreich auf bis zu 48 Grad steigen. In Spanien ist die Hitzewelle bereits am vergangenen Wochenende angerollt. In Sevilla wurden am Samstag 43 Grad gemessen. Italien ächzt seit Wochen unter extremen Temperaturen und der schlimmsten Dürre seit 70 Jahren. Und als wären Hitze, Trockenheit und Feuer nicht schon schlimm genug, kämpfen einige Gegenden auf Sardinien auch noch gegen eine Heuschrecken-Plage. Bereits 30 000 Hektar Ackerland wurden auf der Insel nach Angaben der Agrarorganisation Coldiretti von den Insekten zerstört. Die Heuschrecken lieben die heißen, trockenen Bedingungen. Jetzt treffen auch uns die Wetterextreme. Neben Dominik Jung zeigt sich auch der ZDF-Wetterexperte Özden Terli besorgt: „Ich habe noch nie solche Temperaturen für Deutschland in einem Wettermodell gesehen!“, twitterte Meteorologe Terli jetzt. „Das ist absolut extrem.“
Vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach wurde gemeldet, dass sich die heiße Luft wohl vor allem im Südwesten des Landes halten werde. „Je wärmer es wird, desto stärker die Belastung für den Organismus. Gerade ältere Menschen oder Obdachlose haben eine höhere Anfälligkeit“, erklärt DWD-Meteorologin Jacqueline Kernn. In den Jahren 2018 bis 2020 haben hohe Sommertemperaturen laut einer vor Kurzem veröffentlichten Studie in Deutschland zu Tausenden hitzebedingten Sterbefällen geführt. Zum ersten Mal seit Beginn des Untersuchungszeitraums im Jahr 1992 sei eine Übersterblichkeit aufgrund von Hitze in drei aufeinanderfolgenden Jahren aufgetreten, schrieben Forschende von Robert Koch-Institut (RKI), Umweltbundesamt (Uba) und Deutschem Wetterdienst (DWD) Anfang Juli im „Deutschen Ärzteblatt“. Hohe Temperaturen können unter anderem das Herz-Kreislauf-System stark belasten und bestehende Beschwerden, wie etwa Atemwegserkrankungen, verstärken.
„Sicherlich werden wir in den kommenden Jahren häufiger mit solchen Temperaturen rechnen müssen“, befürchtet Dominik Jung. „Seit Wochen und Monaten ist zu wenig Regen gefallen, und daran wird sich erst mal scheinbar auch nichts ändern. Wir haben in Deutschland ein großes Dürreproblem. Das wird sich noch verschärfen.“ S. SCHWINDE