Humboldt-Universität holt Geschlechtervortrag nach

von Redaktion

Berlin – Es geht um Seeanemonen, Clownfische und Bikini-Medizin – und das sollen Aufregerthemen sein? Selten hat ein Vortrag einer Biologin so viel Ärger ausgelöst. Am Donnerstag holte die 32-jährige Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht an der Humboldt Universität in Berlin ihren Vortrag über biologische Geschlechter nach, den die Uni kürzlich nach einem Protestaufruf mit Hinweis auf Sicherheitsbedenken abgesagt hatte. Gestern blieb es dann ruhig, nach einer halben Stunde war alles vorbei und die junge Frau wurde beklatscht.

Dass vor dem Unigebäude an der Dorotheenstraße ein Polizeiwagen Wache stand, dass der Auftritt überhaupt Aufsehen erregte, das liegt an der komplizierten Vorgeschichte und einer hitzigen gesellschaftspolitischen Debatte. Es geht um Geschlecht und Identität, Wissenschaft und Freiheit, um Vorwürfe der Ideologie und Ignoranz.

. Der abgesagte Vortrag

Vollbrechts Vortrag „Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“ war zunächst für die Lange Nacht der Wissenschaften geplant. Nach einem Protestaufruf des „Arbeitskreises kritischer Jurist*innen“ sagte die Uni die Präsentation aber ab. Vollbrecht hielt den Vortrag stattdessen auf Youtube. Ihre These: „Das biologische Geschlecht des Menschen ist binär, es gibt männliche und es gibt weibliche Menschen. Wir werden männlich oder weiblich geboren und behalten unsere geschlechtliche Zugehörigkeit bis zum Ende des Lebens.“ Gestern sagte sie: „Geschlechter gibt es nur zwei.“

. Die Vortragende

Vollbrecht wurde Anfang Juni als Co-Autorin eines Beitrags in der „Welt“ unter dem Titel „Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren“ bekannt. Die Autoren schreiben, die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ziele „darauf ab, den Forderungen von Trans-Lobbygruppen Gehör zu verschaffen, denen zufolge man das biologische Geschlecht wechseln könne“. Das sei eine bedrohliche Entwicklung.

. Die Kritik

Empörung über den „Welt“-Beitrag schwingt nun mit in der Debatte über Vollbrechts Vortrag. Ausführlich legt dies eine Stellungnahme der HU-Studierendenvertretung dar, des sogenannten Referent*innenRats. Dieser beklagt die Diskriminierung von „trans*, inter* und *nichtbinären Personen (kurz TIN*)“ und nennt Vollbrecht eine „offen TIN*-feindliche Person“.

. Die Kritik an der Kritik

Nach der Absage des Vortrags wurde vor allem die Uni scharf angegriffen. Diese habe der Wissenschaftsfreiheit einen Bärendienst erwiesen, sagte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen. Hochschulen müssten kritischen Debatten Raum geben, sagt auch Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP): „Das müssen wir alle aushalten.“ Ein „Welt“-Kommentar sprach von einem „krassen Fall von Cancel Culture“.

Artikel 8 von 9