Saint-Gervais – Die Hitzewelle hinterlässt auch in hochalpinen Regionen ihre Spuren. Immer wieder kommt es derzeit auf dem Mont Blanc zu Steinschlägen und Felsstürzen. Experten raten deshalb vom Aufstieg über die französische Normalroute ab. Doch es gibt Abenteurer, die diese Empfehlung ignorieren. Der Bürgermeister der Gemeinde Saint-Gervais hat diese Ignoranten jetzt gründlich satt: Er hat eine Kaution in Höhe von 15 000 Euro für alle beschlossen, die die Bergspitze erklimmen wollen.
Die Summe der Kaution, die die Bergsteiger hinterlegen müssen, splittet sich folgendermaßen auf: Für einen potenziellen Rettungseinsatz werden Kosten in Höhe von 10 000 Euro veranschlagt, für eine eventuelle Beerdigung setzt Bürgermeister Jean-Marc Pelleix zusätzlich 5000 Euro an. „Es ist inakzeptabel, dass der französische Steuerzahler für diese Kosten aufkommen muss“, findet Pelleix. Im Gebiet seiner französischen Gemeinde beginnt der Normalweg von der Goûter-Hütte aus. Die Bergführervereinigungen der Städte Chamonix und Saint-Gervais am Fuße des Mont Blanc hatten schon Mitte Juli bekannt gegeben, dass sie den Aufstieg über die „normale“ Route aufgrund von Steinschlägen aufgeben. Der Zugang bleibt für unabhängige Bergführer offen.
Derzeit würden nur noch „etwa ein Dutzend oder zwanzig Menschen pro Tag, eher Spezialisten“, auf den Gipfel des Mont Blanc in 4807 Metern Höhe gelangen, schätzt Olivier Grébert, Präsident des Bergführerverbands von Chamonix. Normalerweise seien es 100 bis 120 Menschen. Von herunterkrachenden Steinen, „so groß wie Kühlschränke“ auf der Normalroute spricht Noé Vérité, Hüttenwart der Cosmiques-Hütte. Andere Routen wie der „Innominata“-Grat würden zwar noch begangen, seien aber aufgrund ihres Schwierigkeitsgrads nur einer Minderheit vorbehalten. Die Schutzhütte von Cosmiques liegt auf der Trois-Monts-Route. Doch auch diese ist vor steigenden Temperaturen nicht gefeit: Vor Kurzem habe er mitten in der Nacht sechs Grad an seiner Hütte auf 3613 Metern Höhe gemessen, berichtet Vérité. Wegen des fehlenden Frosts in dieser Nacht hätten alle Aufstiegswilligen wegen der Gefahren wieder umkehren müssen. „Wir sehen, wie sich die Bedingungen von Tag zu Tag verschlechtern“, sagt Vérité. Für ihn sind die Sommermonate normalerweise der Höhepunkt der Saison, aber die Absagen häufen sich.
Umso mehr ärgert sich der Bürgermeister von Saint-Gervais angesichts der aktuellen Nachrichten über die Ignoranz mancher Bergtouristen. Dabei geht es Jean-Marc Pelleix offenbar nicht allein um die Kosten potenzieller Rettungsaktionen. Dem Gemeindeoberhaupt stößt vor allem auch die Tatsache sauer auf, dass Dutzende von „Pseudo-Bergsteigern“ – wie er sie nennt – im Notfall die Einsatzkräfte der Bergrettung in Gefahr bringen.
Erst am 30. Juli sei es laut Pelleix zu einem Vorfall gekommen, bei dem sich vier rumänische Touristen in kurzen Hosen auf den Weg zum Gipfel gemacht hätten. Rettungseinheiten an Bord eines Hubschraubers hätten die schlecht ausgestatteten Bergkameraden dann zur Rückkehr aufgefordert.
Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die Sorgen der Experten nicht aus der Luft gegriffen sind. Am 3. Juli waren bei einem Gletscherabbruch auf der Marmolata im Trentino elf Menschen ums Leben gekommen. Der Bürgermeister der Gemeinde Canazei verfügte vergangene Woche eine Ausweitung der sogenannten roten Zone, die nicht mehr betreten werden darf. Grund seien die mögliche Instabilität einer Felsnische und die Verbreiterung mehrerer Gletscherspalten. S. SCHWINDE