München – Bevor Dieter Bohlen richtig loslegt, merkt er an, man könne ihn für seine Worte ruhig ausbuhen. Er ist dann schnell beim Ukraine-Krieg und der Frage, wie man ihn hätte verhindern oder zumindest zügig beenden können mit all seinen unschönen Konsequenzen. Hätte man zum Beispiel „diese Sanktionen“ nicht verhängt und sich stattdessen „vernünftig an einen Tisch gesetzt“, wäre dem Land – er meint nicht die Ukraine, sondern Deutschland – einiges erspart geblieben: „Dann bräuchten die Leute jetzt nicht diesen ganzen Firlefanz machen. Jetzt müssen wir frieren, jetzt müssen wir dies und das.“ Buhrufe sind keine zu hören. Dafür viel zustimmender Applaus.
Das Video von Bohlens Auftritt bei einer Podiumsdiskussion der Business-Plattform „Entrepreneur University“ ist anderthalb Monate alt, doch erst seit dieser Woche schlägt es in den sozialen Medien Wellen. Ein echter Bohlen. Etwas näselnd, nicht immer nah dran an der Wahrheit und in einer flapsigen Tonart formuliert, die dem todernsten Thema ganz und gar unangemessen ist. Als der Applaus für seinen „Firlefanz“ und „Dies und das“-Kommentar anrollt, ruft er noch ein „Das ist doch alles Scheiße aus meiner Sicht“ ins Publikum.
Tatsächlich stellen sich aus Sicht des Musikproduzenten und TV-Jurors die Dinge sehr viel einfacher dar, als sie in der komplexen Realität sind. Vom Angriffskrieg, den Putin angezettelt hat, und dem damit verbundenen Leid ist in dem Ausschnitt keine Rede. Überhaupt, die Fakten. Zu Beginn des kurzen Clips lässt sich Bohlen über die Grünen aus, deren Führungsriege „weder Berufsabschluss noch wer weiß was“ habe. Diverse Hochschulabschlüsse und eine Promotion unterschlägt er. Auch seine Behauptung, nun würde Russland halt sein Erdgas „für viel, viel mehr Geld nach Asien“ verkaufen, ist schlichtweg falsch.
Bohlen (68) ist mit seiner Haltung, einer Mischung aus Naivität und Ignoranz, nicht allein, er formuliert sie nur besonders provokant. Sich mit einer Kriegspartei wie Russland „vernünftig“ an einen Tisch zu setzen, ist eine Illusion, der schon andere Prominente erlegen sind, von Alice Schwarzer über Juli Zeh bis zu Sahra Wagenknecht. Dabei hat Wladimir Putin, der Präsident mit dem inzwischen weltberühmten XXXL-Tisch, längst deutlich gemacht, dass es Verhandlungen, wenn überhaupt, nur zu seinen Bedingungen gibt.
Zuletzt hatte Elon Musk sich daran versucht, einen Weg aus dem Ukraine-Krieg zu skizzieren – mit ähnlich kümmerlichem Ergebnis. Der Tesla-Gründer schlug ein erneutes Referendum über die Annexion von vier Regionen vor, diesmal unter UN-Aufsicht (und damit mutmaßlich ohne russische Manipulationen) und für alle Seiten bindend. Die völkerrechtswidrig einverleibte Krim schlug er Moskau zu.
Gestern rudert Bohlen zurück, allerdings nur ein bisschen. Er sei „absolut gegen Krieg“, sagt er, hält sich zum Thema Sanktionen aber bedeckt. Während die AfD erwartungsgemäß jubiliert und den TV-Scharfrichter vereinnahmt, fällt SPD-Chefin Saskia Esken ein vernichtendes Urteil. „Wie moralisch verkommen muss man sein, für einen billigen Applaus diesen entsetzlichen Krieg auszublenden, die Angst und das Leid und den Tod, die er verursacht?“, twittert sie. Er empöre sich über Sparmaßnahmen und das damit womöglich verbundene Frieren, „das ihn als Superreichen ohnehin nicht trifft“.
Auch Wladimir Klitschko meldet sich, der Box-Weltmeister und Bruder des Bürgermeisters von Kiew. Er habe in den letzten Tagen das ganze Leid dieses Krieges aus der Nähe erlebt. Getötete Menschen, zerstörte Gebäude, von „Terror“ und „Genozid“ spricht Klitschko. „Ist Dir, Dieter Bohlen, es egal, wenn bei uns Menschen sterben?“, fragt er. Es klingt nicht, als würde er eine Antwort erwarten, als habe Bohlen sie nicht schon gegeben. Am Ende appelliert Klitschko an seine Follower: „Bitte stellt euch denjenigen entgegen, die auf russische Propaganda reinfallen.“ MARC BEYER